Dokumentarfilm

Comeback mit 66 Jahren

Marina Abramovic zeigt in ihrem Dokumentarfilm die hohe Kunst der Selbstinszenierung

Ein bisschen erinnert es an das Kinderspiel, wer dem anderen länger in die Augen starren kann, ohne loszuprusten. Nur lachte fast keiner von den Tausenden Besuchern des Museum of Modern Art in New York, die im Sommer 2010 der Performancekünstlerin Marina Abramovic gegenüber saßen. Drei Monate lang harrte sie dort Tag für Tag auf einem Stuhl und blickte ihrem Gegenüber ins Gesicht, so lange er oder sie dem Blick standhielt. Und das löste alle möglichen Emotionen aus, viele weinten, unberührt ließ diese Erfahrung niemanden. All das ist nun in einem Dokumentarfilm zu sehen, der nun ins Kino kommt und so heißt, wie die vom Berliner Klaus Biesenbach kuratierten Gesamtschau: „Marina Abramovic: The Artist is Present“. So radikal offen wie in ihrer Kunst erweist sie sich auch im Gespräch. Sie macht das Interview zur Performance. Ohne Scheu redet sie von ihrer schwierigen Kindheit, der Hassliebe zu ihren serbischen Partisaneneltern und von ihrer großen Liebe, dem deutschen Künstler Ulay, mit dem sie jahrelang zusammenlebte und arbeite. Berichtet wurde allerdings meist nur über sie, Ulay war höchstens das Anhängsel. „Er rächte sich an mir mit Fremdgehen“, sagt Abramovic mit ihrem serbischen Akzent und fügt dann mit einem schmerzhaften Lächeln hinzu: „Ihr Journalisten habt uns gekillt!“

Die in Belgrad geborene Abramovic, die an diesem Freitag 66 wird und viel jünger wirkt, glaubt an die Regel „kein Alkohol und viel Sex“. Die verblüffte Reaktion ihres Gegenübers wartet sie gar nicht erst ab. „ Ich habe nichts schnippeln lassen, ich trinke nie Alkohol, ich rauche nicht, nehme keine Drogen. Ich arbeite viel, das hält fit. Und wahrscheinlich habe ich es geerbt: Meine Großmutter wurde 103 Jahre alt, meine Urgroßmutter soll sogar 116 geworden sein.“ Derzeit erlebt sie damit so etwas wie einen zweiten Frühling. Die Theatervorstellungen in Manchester und Madrid dieses Jahr waren umjubelt, vor dem MoMA bildete sich jeden Morgen eine lange Schlange vor allem junger Leute, die sich ihr gegenüber setzen wollten. Einen nicht ganz unbeträchtlichen Anteil daran hatte Lady Gaga, die sich ihre Show als eine der ersten ansah und damit einen Twittersturm auslöste. „Und plötzlich rannten uns 16, 17-jährige Kids die Türen ein. Dabei kenne ich Lady Gaga gar nicht, wir haben noch nie ein Wort miteinander gesprochen.“ Auch andere illustre Gäste zog sie an, Björk und Tilda Swinton etwa, im Film ist auch James Franco zu sehen. Das Erstaunliche an diesem Dokumentarfilm ist, dass die Künstlerin darin so präsent ist, dass sie zu Tränen rührt. Man muss Marina Abramovic dabei noch nicht einmal direkt in die Augen schauen. Aber es hilft.