Kinderbuch

Marys lange Reise in die eigene Vergangenheit

Der Tod erscheint manchen vielleicht als kein allzu geeignetes Thema für ein Kinderbuch.

Aber wie sollte es denn sonst große Literatur werden? Große Literatur, die nicht vom Tod handelt, gibt es nicht. In Roddy Doyles „Mary, Tansey und die Reise in die Nacht“ wird der Tod allerdings dadurch in ein etwas milderes Licht gerückt, dass ihm seine Endgültigkeit genommen wird.

Die zwölfjährige Mary, deren Großmutter im Krankenhaus im Sterben liegt, bekommt eines Tages Besuch von einem wahrhaftigen Geist: „Die Frau war alt. Aber eigentlich war sie das gar nicht. Mary wusste, woran es lag, dass die Frau alt wirkte. Weil sie altmodisch aussah. Sie trug ein Kleid, das wie aus einem alten Spielfilm wirkte, einem dieser Filme, bei denen ihre Mutter immer heulte.“ Es ist Tansey, Marys eigene, im Jahr 1928 sehr früh gestorbene Urgroßmutter, die möchte, das die Urenkelin ihrer Oma – Tanseys Tochter – etwas ausrichtet: „Sag deiner Großmutter, dass alles ganz großartig wird.“ Doyle verbindet Geistergeschichte und Road Movie. Vermutlich ist das eine literaturhistorische Erstprägung, denn Geister – vom „Gespenst von Canterville“ bis zum „Kleinen Gespenst“ – sind ja ziemlich standorttreue Lebewesen und hassen das Reisen. Doch Mary, ihre Großmutter Emer und ihre Mutter Scarlett unternehmen gemeinsam mit Tansey eine Fahrt von Dublin ins ländliche Wexford, die gleichzeitig ein Trip in die Vergangenheit der Familie wird. Das Magische an diesem Buch von Doyle, der durch seine Romane „Die Commitments“ und „Paddy Clarke, Ha Ha Ha“ bekannt ist, sind jedoch nicht die Geister, sondern die Dialoge. In den Gesprächen eröffnet sich ein witziges, weises und weitgehend männerfreies Universum.

Roddy Doyle: Mary, Tansey und die Reise in die Nacht. Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel . cbj, München, 236. S., 14,99 Euro. Ab 12 J.