Roman

Das Leben der West-Berliner Bohème im Westend

„Die Stadt war am Leben; sie war nicht eine Schicht, über die sich eine neue Schicht legen würde. Die Straßen blieben oben, blieben oberste Schicht, an der Sonne. Der Faun im Granit wies mit dem Gehörn nach links, nach drüben, zum Haus, in dem sie jetzt wohnte.“ – eine Ruine, darin nur ein Feldbett, aber eine abschließbare Tür. Da ist Elsa Lewinsky fast schon wieder mittendrin in ihrem Leben, im Jahr 1945, in Berlin. Da hat sie die Vergewaltigungen durch russische Soldaten bereits hinter und die Liebschaft mit einem Engländer noch vor sich. Annemarie Weber hat Elsas erstes Jahr vom ausgehenden Krieg zur angehenden Normalität zwanzig Jahre danach, 1966 in „Westend“ beschrieben. Der Roman der Theaterkritikerin, die damals zusammen mit dem ebenfalls gerade wiederentdeckbaren Rudolf Lorenzen („Alles andere als ein Held“) das Glamourpaar der West-Berliner Bohème war, liegt nun in einer ansprechenden Neuauflage vor. Und das ist gut so. Der Roman verzichtet fast völlig auf lokale Marker. Einzig die Soorstraße und eine – nicht vorhandene – Sachsenallee kommen als Adressen vor, dazu der Kurfürstendamm, dessen „Unsterblichkeit“ geprüft wird, oder der Zoobunker. Dennoch entsteht darin eine ungemein dichte Atmosphäre und ein plastisches Profil jener Übergangszeit um die „Stunde Null“.

Auf den ersten Blick liest sich das wie eine Variante zum Bericht der „Anonyma“. Vergewaltigungen und regelrechte Schändungen werden ebenso schonungslos dargestellt. „Haben Sie auch so oft drangemußt?“ begrüßen sich hier die Frauen. Wer irgend über Elend und Stärke jener Zeit sich erinnern oder anderen vor Augen führen will, dem sei dies Buch ans Herz und in die Hand gelegt!

Annemarie Weber: Westend. Roman, AvivA Verlag, 2012, 319 Seiten, 19,90 Euro