Coco Chanel

Das Parfüm

Ein Buch erzählt die Geschichte des berühmtesten Duftes der Welt: Chanel N°5

Über Chanel N°5 nachzudenken, heißt, sich auf die Spur von etwas ziemlich Ominösen zu begeben. Kenner der Branche sprechen einfach nur vom „Monster“, einem Verführer, der hartnäckig den Weltmarkt im Griff hat. Auch wenn die amerikanische Kulturhistorikerin Tilar J. Mazzeo für ihre „unautorisierte Biografie“ des wohl berühmtesten Duftes der Welt ihre Nase tief in verstaubte Firmenarchive und frisch gedruckte Forschungsliteratur gesteckt und dabei Dinge aufgespürt hat, die der Parfüm-Legende den allzu blumigen Anteil auszutreiben imstande sind: Coco Chanels neunzig Jahre altes Baby ergründen zu wollen, heißt immer noch, über die Zeit und die Liebe selbst nachdenken zu müssen; über das Schöne und den Krieg; und darüber, warum nichts davon aufhören will zu sein.

So. Ein wenig floral darf der erste Absatz, die Kopfnote eines Textes sozusagen, in diesem Fall schon sein. Da liegt es also auf dem Schreibtisch, das Buch zum Jahrhundert-Duft, und verschließt noch seine Herz- und seine Basisnote. Cover? Klar, absolut Zwanzigstes Jahrhundert: Andy Warhols altbekannte Pop-Interpretation des altbekannten Flakons, dazu die serifenlose Chanel-Schrift - mit Komplexität und Allüren muss man ja nicht gleich ins Haus fallen. Innen, Ära Gutenberg, wird die Sache schon schwieriger, schließlich kennt heute zwar jeder den Kult-Flakon, aber nicht unbedingt jeder den Kult-Duft. Und wo es um Düfte geht, weiß die Literatur von ihrem Problem: Kann es eine Sprache geben, die Aromen vergegenwärtigt? Eine, die aus irgendeiner entlegenen Gedächtnis-Ecke wachruft, was der Leser schon einmal erschnuppert hat, und sei’s als Spermatozoon auf Maiglöckchen-Trip?

Ein Hauch von Metall

„Wenn Sie nicht riechen möchten wie Ihre Oma oder Ihre Mutter“, wird die apfelsaftblonde Verkäuferin in einer Parfümeriekette später sagen, „dann hätten wir hier auch die Variationen, Coco Mademoiselle’, ,Eau Première’, ist aber nicht mehr sooo superneu, oder, ganz aktuell, Chanel N°5 noir’, ein sehr schöner Ausgehduft“. Zur Auffrischung ein Versucherchen N°5 aufs Handgelenk. Ein Hauch von Metall und Kopfschmerz, mit rosigem Zitrus-Lächeln um die Nase gehauen: nicht unangenehm, aber auch nicht gefällig. Frauen, das war Coco Chanels Mantra, seien nun einmal keine Blumen, und folglich sollten sie auch nicht wie Blumen riechen, sondern eben wie – Frauen.

Diese Idee, monströs weitergedacht, geistert seitdem untot durch Literatur und Popkultur: Lange nach Patrick Süskinds „Das Parfum“, diesem Weltbestseller um einen herzzerreißenden Über-Duft aus getöteten Jungfrauen, hat soeben Lady Gaga, die sich lieber gleich selbst ein „Monster“ nennt, in ihren neuen Duft namens „Fame“ molekulare Anteile von Blut, Sperma und Gaga-DNS hineingerührt. Dezenter auftretende Parfümhersteller, wie Etat libre d’Orange, dürften darüber nur müde lächeln: Für „Sécrétions Magnifiques“ zum Beispiel hat Parfümeur Antoine Lie schon längst tief in die Regietheaterkiste gefasst und gleich noch Speichel, Schweiß und eine obskure Salzigkeit hinzugefügt. Befreiten sich die Parfums der Goldenen Zwanziger analog zur Malerei von gegenständlichen Vorgaben, so kommt jetzt offenbar die Parfum gewordene YouPorn-Wackelkamera.

In kühlem Ton wedelt Tilar J. Mazzeo schon im Vorwort alle Gerüchte weg. Nein, Coco sei nicht die Erfinderin dieses Parfums gewesen. Es war weder der erste Designerduft noch der erste abstrakte auf Aldehydbasis. Geschickte Werbung habe schon gleich gar nicht seinen Ruhm begründet, im Gegenteil sei das schlafmützige Marketing eine Katastrophe gewesen. Und Marilyn Monroe? Nein, sie habe kein Geld erhalten für ihren berühmten Hinweis, sie trage im Bett nichts außer ein paar Tropfen dieses Wässerchens. Der Flakon sei auch nicht Teil einer Ausstellung im Museum of Modern Arts gewesen. Nein, nein und nochmals nein. „Eleganz ist Verweigerung“, wird ein paar Seiten später Coco Chanel flüstern. Den Grundton gibt noch immer sie an. Herznote: Nach wenigen Minuten riecht das Handgelenk dann aber doch wie ein Blumenbeet. Immerhin nicht wie ein pinkfarbenes, sondern eher weiß, kühl und geerdet. Diese feinwürzige Spur führt geradewegs zu zwei angeblichen Quellen von Chanel N°5: in ein Kloster in Südfrankreich und an den polaren Rand der Welt, wo nach alter Vorstellung die Monster wohnen. Im ehemaligen Zisterzienserkloster Aubazine, einem Waisenhaus für Mädchen, lernte die von ihrem Vater dort abgelieferte Gabrielle Chanel bekanntlich nähen und entwickelte ihre Vorliebe für klare Linien; sie schätzte aber auch den dort allgegenwärtigen Geruch frischer, mit Iriswurzel gestärkter Wäsche und sauber geschrubbter Haut. Die Duft-Geschichte dieses Ortes ist allerdings noch älter: Die früheren Ordensbrüder nutzten wohlriechende Pflanzen aus der Umgebung, um sich noch tiefer ins Gebet versenken zu können; und auf ihren Spaziergängen sahen und rochen die alten wie die neuen Klosterbewohner unter vielen anderen die Zistrose, aus der das Duftharz Labdanum gewonnen wird.

Von einem militärischen Einsatz jenseits des Nordpolarkreises 1917 bis 1919 wiederum soll der Parfümeur Ernest Beaux, der Chanel N°5 letztlich schuf, die Vision mitgebracht haben, Aldehyde so zu komponieren, dass der Eindruck schmelzenden Schnees auf fetter Erde unter ozonhaltiger Luft entsteht. Schöne Geschichten - und gar nicht unplausibel. Etwas Weltflüchtiges und zugleich Sinnliches kann man Chanel N°5 nicht abstreiten. Seine mythologische und zugleich ambivalente Aufladung verdankt der Duft natürlich auch der Zahl Fünf, Chanels Glückszahl und, wie es in Schillers „Wallenstein“ heißt, „des Menschen Seele“: „Wie der Mensch aus Gutem/ Und Bösem ist gemischt, so ist die Fünfe/ Die erste Zahl aus Grad’ und Ungerade“, sagt da der Astrologe Seni. Dass der Chanel-Karton mit seinem schwarzen Rand an ein Kondolenzschreiben erinnert, meint Mazzeo, könnte ebenfalls Teil seiner Erfolgsgeschichte sein: Eine vom Zwanzigerjahre-Rausch und dann von zwei Weltkriegen geprägte Generation und ihr Wunsch, „dass etwas Schönes überleben möge“, kulminiert in dem Fläschchen, dessen ursprüngliche Form Chanel zunächst nach dem Reisenecessaire ihres tödlich verunglückten Liebhabers Boy Capel anfertigen ließ und das sie geschickt an deutsche, französische und amerikanische Soldaten verkaufte, während die Welt brannte.

Luxus und Massenprodukt

Heute wird alle dreißig Sekunden, so hat es die Autorin ermittelt, irgendwo auf der Welt eine Flasche Chanel N°5 erworben. Die Spannung zwischen Luxus und Massenprodukt ist – als Signatur des 20. Jahrhunderts – dem Duft eingeschrieben wie wohl keinem anderen. Doch ein paar Mal schrammte dieses „verdammte Kulturmonument“ (wie es ein anonymer Konkurrent nannte) nur knapp an seinem Verschwinden vorbei. Wie ein Thriller liest sich die Passage, in der beschrieben wird, wie es Chanels vor den Nazis geflohenem Geschäftspartner Pierre Wertheimer von Amerika aus gelang, die Formel in Sicherheit bringen und die wichtigsten Rohstoffe aus Europa schmuggeln zu lassen, um das Parfum zu retten.

Doch die Biografie des berühmtesten Duftes der Welt reicht bis in die Renaissance zurück. Tilar Mazzeo schreibt, dass die Bohème-Dame Misia Sert im Winter 1918 aufgeregt zu ihrer Freundin Coco geeilt sei, um ihr von einem sensationellen Fund zu berichten: In der alten Bibliothek eines Loire-Schlosses sei die Formel eines verloren geglaubten „Wunderparfums“ der Medici-Königinnen aufgetaucht. Die einstige Besitzerin der Formel soll Katharina von Medicis Cousine Marie gewesen sein, diese gilt als Begründerin der französischen Parfumindustrie und hat Grasse zu deren Zentrum aufgebaut. Hier, nördlich von Cannes, wurden dann auch die Rosen- und Jasmindüfte für N°5 gewonnen, und noch später hinterließ hier Patrick Süskinds Held seine Blutspur. Coco Chanel jedenfalls kaufte das alte Rezept. Und zögerte später nicht, eine Rufmordkampagne gegen ihr eigenes geliebtes Produkt zu starten - um ihren verhassten Geschäftspartner Pierre Wertheimer in die Knie zu zwingen und für sich einen neuen Vertrag über eine lukrativere Umsatzbeteiligung auszuhandeln.

Tilar J. Mazzeo: Chanel N°5. Die Geschichte des berühmtesten Parfums der Welt. Hoffmann und Campe, Hamburg 320 Seiten, 22,99 Euro