Kindertheater

Mit den Augen eines Kindes

| Lesedauer: 7 Minuten
Elena Philipp

Das Genre ist jung und es boomt: Immer mehr Theater in Berlin bieten Aufführungen für Zuschauer ab 2 Jahren an. Ein Überblick

Ein Hase im Mond, ein Klang aus Steinen, im Karton ein Ballon: Theater für Kinder ab zwei Jahren ist ein sinnlich-assoziatives Spiel mit Bildern, Tönen, Materialien, mit Gesten, Mimik und Bewegung. In Berlin hat das noch recht junge Genre „2+“ derzeit Hochkonjunktur. Das Theater o.N. im Prenzlauer Berg hat das Spielen für die Allerkleinsten zu einem Schwerpunkt erkoren. Das Grips Theater, das bislang für Kinder ab fünf Jahren arbeitete, zeigt erstmals eine Inszenierung für Zweijährige. Und die Schaubude Berlin lud im Herbst erneut wegweisende Arbeiten aus dem Ausland ein und zeigte im November eine Werkschau des Berliner Duos florschütz & döhnert, das das Theater für die Jüngsten in Deutschland von Beginn an prägte. Zeit also, sich das entsprechende Angebot einmal genauer anzusehen.

florschütz & döhnert, deren Inszenierung „Hase Hase Mond Hase Nacht“ aus dem Jahr 2004 einer der ersten deutschen Beiträge zum Genre gewesen sein dürfte, schaffen poetische Bilderwelten für die Allerkleinsten. „Rawums(:)“ ist ein federleichtes Spiel mit der Schwerkraft, „Herr & Frau Sommerflügel“ ein zirzensischer Figurenreigen und „Ssst!“ träumerischer Slapstick mit Figuren und Objekten. In ihrem Erstling geht die Reise zum Mond, der als Scheinwerfer rund über den Bühnenvorhang zieht. Eine Hasenfigur hüpft als Schattenprojektion durch den Lichtkreis. Melanie Florschütz spielt mit dem Mond wie mit einem Ball oder versucht, ihn in einer Blechdose zu fangen. Die Kinder im Zuschauerraum quietschen vergnügt, während Florschütz bittet, schimpft, lockt, damit der Mond noch einmal vom Vorhang herunterwandert auf den Bühnenboden. Das verneint das Gestirn mit einem wilden Schütteln – Michael Döhnert, der neben der Spielfläche den Scheinwerfer führt, lässt den Lichtkreis von rechts nach links tanzen. Das Theaterhandwerk liegt bei florschütz & döhnert offen zutage, und doch bewahrt das Erlebnis seine Magie.

Wie ein Theaterbesuch bei Kindern im vorsprachlichen Alter wirkt, ist schwer messbar, doch viele Indizien deuten auf ein nachhaltiges Erlebnis. „Kasper ist mit ,Hase Hase Mond’ quasi aufgewachsen“, erzählt Renata Stromberger. Mit zwei Jahren hat ihr Sohn das Stück erstmals gesehen. „Für mich war sehr schön, wie sich mein damals noch so kleines Kind total auf das Bühnengeschehen eingelassen hat.“ Zuhause erzählte er vom Mond, ahmte die Wortspiele nach. „Er hat nachgefragt, wann er das Stück wieder schauen kann. Kasper bearbeitet das Erlebnis je nach Entwicklungsphase: er hat es gemalt, zu Hause nachgespielt und sich einen Fundus an Requisiten aufgebaut.“ Heute ist Kasper neun Jahre alt und sagt: „Bei ‘Hase Hase Mond’ gefällt mir am besten, dass sich der Mond nicht fangen lässt.“

Die Künstler sind gefordert

Kritische Fragen scheinen sich nach so einer Geschichte zu erübrigen: Fördert Theater eine rezeptive Haltung bei Kindern, die die Welt aktiv entdecken sollen? Und ist das Theater für die Allerkleinsten nicht nur ein weiterer überambitionierter Beitrag zur frühkindlichen Bildung? Zu sehen ist ein kreativer Akt, darin sind sich alle Theatermacher einig. „Man bietet ihnen eine Fläche, in der sie gefordert sind, regt sie aktiv an, neuronale Verknüpfungen zu bilden“, sagt Vera Strobel vom Theater o.N. Auch Melanie Florschütz, die den pädagogischen Aspekt ihres Tuns eigentlich hinten anstellt, erwähnt: „Theater trainiert, Bilder lesen zu lernen, und das ist eine Grundfähigkeit.“ Silvia Brendenal, die künstlerische Leiterin der Schaubude Berlin, betont einen anderen Aspekt, wenn es um den Sinn von Theater für die Allerkleinsten geht: „Wenn unsere Zeit so ist, dass man Kinder früh und intensiv in die Welt hineinführt, dann ist Theater sinnvoll – auch als ein Raum, in dem sie beschützt Erfahrungen machen können.” Eltern, die dennoch nicht sicher sind, ob Theater schon etwas für ihre Kinder ist, rät Brendenal zu Neugier und Vertrauen: die Künstler haben Erfahrung mit dem Genre. Ausprobieren schadet nicht.

„Die Allerkleinsten sind ein sehr präzises Publikum“, sagt Melanie Florschütz. „Das fordert einen als Künstler.“ Bühnenaktionen müssen klar gerichtet sein – ein unwillkürlicher Blick oder ungenaues Hantieren mit einer Figur können das Publikum verwirren. In Kitas testen die Theatermacher daher ihre Inszenierungen, bevor sie sie auf die Bühne bringen. Die Dramaturgin des Theater o.N. legt sich im Zuschauerraum schon einmal auf den Boden, um die Perspektive der künftigen Zuschauer einzunehmen, und die Schauspieler beobachten Kinder auf der Straße und dem Spielplatz. Die Theater werden wieder lernende Institutionen, zurückgeworfen auf Grundfragen der Darstellenden Kunst: Wie ist das Verhältnis von Spieler und Zuschauer? Wo und wie findet Theater überhaupt statt? Für die Kleinsten sei zum Beispiel noch nicht klar, dass ein Teil des Raumes als Bühne gedacht ist – für sie ist im Theaterraum erst einmal alles gleich interessant, erzählt Vera Strobel. Sie sind noch nicht mit den Theaterkonventionen vertraut, für sie gelten andere Regeln: Eltern und ihre Kinder dürfen jederzeit den Raum verlassen. Wiederkommen dürfen sie auch.

Die Bühne wird gestürmt

Nur ein sehr kleines Kind fordert das Rausgehen und Wiederkommen bei einer Aufführung von „Kling, kleines Ding“ am Theater o.N. ein, die übrigen erleben eine halbe Stunde gelungenen Theaterjazz (Regie und Musik: Bernd Sikora). Drei Performer bringen Gesteinsplatten mit Schlägeln zum Klingen, schlichten Steine zu Pyramiden und werfen den Turm wieder um, legen ein Gesicht aus Steinen. „Weiße Wäsche“ (Regie: Taki Papaconstantinou), die neueste Arbeit am Theater o.N., transformiert kindliche Spielsituationen: Minouche Petrusch und Günther Lindner verstecken sich im Wäscheberg, spielen mit Wäscheklammern kleine Dramen, ziehen Kleidung falsch herum an und üben zu den versonnenen Akkordeonklängen von Silke Lange eine Stepchoreographie.

„Selbst wenn alle Zweijährige einer Kindergartengruppe nicht jede Phase des Stückes verstehen werden, werden sie dennoch bestimmte Bilder aus ihrer Erlebniswelt begreifen können“, sagt Frank Panhans, der Regisseur der ersten Grips-Inszenierung für die Allerkleinsten. In guter Grips-Tradition basiert „aneinander – vorbei“ auf Alltagssituationen. Aufstehen, zur Kita gehen, Essen, Zähneputzen – der Tag hält für Kinder und ihre Eltern viele Möglichkeiten bereit, aneinander zu geraten, sich aber auch immer wieder fantasievoll aufeinander einzulassen. Die beiden Schauspieler Regine Seidler und René Schubert beziehen am Schluss ihr Publikum mit ein: Eine Murmel, die auf einer komplizierten Bahn durch Kartons und Papprollen zu rollen schien, verwandelt sich in einem Karton in einen Luftballon. Stürmte zuvor schon ein kleiner Junge die Spielfläche, um mitzutun, heißt es jetzt: Bühne frei für die Kleinsten. Nach dem Zusehen dürfen sie den heliumgefüllten Kartonballon steigen lassen, Steinklänge testen oder den Mondhasen haschen.