Konzert

Deep Purple: Der Fluch eines großen Hits

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter E. Müller

In der O2-World warten die Fans auf „Smoke on the water“

Sie tragen jene Bürde auf ihren Schultern, mit der Bands, die vor Dekaden Rockgeschichte geschrieben haben, leben müssen. Sie sind heute Gegenentwurf zum Jugendwahn im Popgeschäft. Deep Purple brauchen sich nicht um Trends zu scheren. Sie haben sich mit ihrem Album „Deep Purple in Rock“ 1970 in die Fanherzen gemeißelt. Sie haben der Musikwelt 1972 mit „Smoke On The Water“ das klassischste aller Rock-Riffs beschert. Sie haben in den Siebzigern all ihre Großtaten vollbracht. Und doch nehmen Deep Purple in schöner Regelmäßigkeit neue Platten auf, stehen unermüdlich auf den Live-Bühnen dieser Welt.

6000 Fans haben sich in die O2-World begeben, mit klassische Musik aus den Lautsprechern beginnt der Abend „Die Montagues und Capulets“, der 1. Satz aus Prokofieffs „Romeo und Julia“-Suite, erklingt, bis der weiße Vorhang fällt und Deep Purple mit einem wuchtigen „Fireball“ die Show eröffnen. Der Sound ist mächtig und für diese Halle überraschend transparent, als Sänger Ian Gillan die Zeilen „The golden light about you show me where you‘re from“ ins Mikrofon stößt. Eine gute halbe Stunde lang spielen sie sich nahtlos über „Into The Fire“ zu „Strange Kind of Woman“, bevor Gillan Worte der Begrüßung findet und dem Jahrgangspublikum Zeit zum Jubeln lässt.

Deep Purple, deren unterschiedliche Bandbesetzungen seit dem Gründungsjahr 1968 von den Fans akribisch in den Kategorien Mark I bis Mark VIII verwaltet wird, scheren sich wenig darum, ein Denkmal im Ehrenhof der Rockgeschichte zu sein. Sie sind einfach weiter da. Der Ältestenrat des Hardrock sozusagen. Schlagzeuger Ian Paice (64) ist der einzige auf der Bühne, der noch von der Urbesetzung übrig ist. Doch schon ein Jahr später kamen Bassist Roger Glover (er wird am Freitag 67) und Gillan (67) dazu. Legendär waren einst die kreativen Reibereien zwischen den Streithähnen Ritchie Blackmore und Jon Lord. Doch das führte immer wieder zum hochmusikalischen Bühnen-Schlagabtausch zwischen dem klassikverliebten Organisten Lord und dem Gitarrenberserker Blackmore.

Solistische Eskapaden

Alles Geschichte. Blackmore hat sich 1994 endgültig von Deep Purple verabschiedet, um sein Glück in der Mittelalterszene zu suchen. Jon Lord zog es 2002 vor, sich endgültig aufs Komponieren von Sinfonien zu verlegen. Im Juli dieses Jahres ist er einem Krebsleiden erlegen. Die Plätze von Lord und Blackmore werden inzwischen von Ex-Whitesnake-Keyboarder Don Airey (64), seit 2002 dabei, und dem einstigen Kansas- und Dixie-Dregs-Gitarristen Steve Morse (58), der seit 1994 zur Band gehört, besetzt. Die beiden haben Deep Purple einen enormen musikalischen Vitalitätsschub beschert.

Die Musiker gönnen sich reichlich Raum für solistische Eskapaden, was für Sänger Gillan Ruhepausen mit sich bringt. Er weiß, dass er mit seinem kraftvoll hysterischen Organ haushalten muss, ist gut in Form, lässt sich dennoch nicht zu überbordender Stimmbandreizung hinreißen. Aus diesem Grund gehört ein Balladenklassiker wie „Child in Time“ seit vielen Jahren nicht mehr zum Repertoire. Dafür ist das lange nicht mehr gespielte Stück „The Mule“ im Programm, das Ian Paice Zeit für ein ausgiebiges Schlagzeugsolo lässt. Morse, der sich trotz seiner Jazzrock- und Countryvergangenheit bestens ins Klangbild eingliedert, hat mit der Instrumentalballade „Contact Lost“ oder bei „The Well-Dressed Guitar“ Gelegenheit, zu brillieren.

Man wird das Gefühl nicht los, dass das Publikum, in dem durchaus auch einige jüngere Metalfans auszumachen sind, nur auf ein einziges Stück wartet. Mit jenem Gitarrenriff, das durch den verzerrten Hammondsound veredelt wird: „Smoke On The Water“. Auf einmal ist richtig Leben in der Halle, Luftgitarre wird gespielt, es wird mitgesungen, die Menge ist glückselig.