Fotografie

Ausstellung über die verlorenen Dinge

Idyllisch, aber nicht verkitscht: Herbert Maschkes Fotografien lassen das alte West-Berlin wieder auferstehen. Eine Ausstellung im Ephraim-Palais

Vor einigen Wochen erschien das Buch der Journalistin Ulrike Sterblich mit dem schönen Titel „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt. Eine Kindheit in Berlin (West)“. Stimmt. Die Stadt ist einfach verschwunden: Geschäfte, Gebäude, Lebensgefühl. Auch die tröstliche und verbindende Gewissheit, dass es dort „drüben“ eine ziemlich trostlose Veranstaltung ist, ging verlustig. Der Osten stiftete nur noch kurz nach Mauerfall ein West-Berliner Gemeinschaftsgefühl. „Unser Trip in den Osten hatte einen Beigeschmack von Elendstourismus“, schreibt Ulrike Sterblich über eine Kneipentour Ende 1989, „außerdem war es für uns als West-Berliner kaum zu ertragen, plötzlich ‚Wessis‘ genannt zu werden, wo doch unser Leben lang andere die Wessis gewesen waren.“ Es ist ein Gemeinplatz, dass 1989 nicht nur die DDR, sondern auch West-Berlin unterging. Nur ahnten das zu diesem Zeitpunkt die Allerwenigsten.

Eine Zusammenstellung der Dinge, die heute fehlen, ist im Berliner Stadtmuseum zu sehen. Man muss am Ende der Poststraße in dem immer wieder aufs Neue überraschend scheußlichen Nikolai-Viertel, mit all den Touristen-Läden und mattgelben Plattenbauten, an „Hairtick“ und „Labutik“ vorbei, und dann kann man im zweiten Stock des Ephraim Palais die Bilder von Herbert Maschke (1915 bis 2005) entdecken. Von den fünfziger bis in die siebziger Jahre hat er das Leben in der Stadt festgehalten. Berührend sind sie und stimmen auf eine nicht unangenehme Weise nostalgisch. Sie sind dem Realismus verpflichtet und wenngleich Herbert Maschke überwiegend den heiteren, zufriedenen Ausschnitt der damaligen Zeit darbietet, so ist er doch mehr ein Dokumentator dieser Dekaden als ein Ideologe. Seine Bilder sind idyllisch, sie sind nicht verkitscht. Wenn er eine politische Agenda verfolgt haben sollte, dann beschränkt sie sich auf ein Durchschnaufen, auf das Motto „Wir sind gerade noch einmal davongekommen“.

Eislaufbahn im Europacenter

Auf dem regennassen Kudamm Ecke Joachimsthaler Straße leuchtet die Reklame für Graetz Radio- und Fernsehwerke und Telefunken, das Cafe Kranzler befindet sich im Erdgeschoss und auf dem 69er Bus ist die Werbung für Schinkenhäger („Schinkenhäger: Den mit dem Schinken müssen Sie trinken!“) auszumachen. Immerhin, den Schnaps gibt es noch. Auf einem anderen Foto sieht man eine Eislaufbahn im Europacenter, die 1979 geschlossen wurde, auf anderen Bildern erkennt man die Straßenbahnen, die einst am Kudamm fuhren. Mögen die Fotos auch die Zeit idealisieren, so implizieren sie nicht, dass es früher besser gewesen sein muss. Eine Einkaufsstraße, in der die Läden nicht wechseln, verödet (dem Kudamm drohte das Schicksal in den neunziger Jahren, als die Baugelder in den Osten der Stadt flossen). Pleiten und Neueröffnungen sind daher am Kudamm – Schaufenster des Kapitalismus des Westens während des Kalten Krieges – eher die Konstanten als eine lange Verweildauer.

Wir sehen Paare im Tusculum in Tegel tanzen, wo heute die Seeterrassen sind, wir sind am proppevollen Strandbad Wannsee, wir erblicken ein Autobahngestrüpp mit Zu- und Abfahrten am Funkturm in den Tagen, als Autobahnen für Fortschritt und nicht Umweltbelastung standen. Wir sehen das Oktoberfest am Lützowplatz, wir bekommen einen Panoramablick auf die Gärten des Schloss Charlottenburg, als seien sie Jardin du Luxembourg in Paris und blicken auf eine Zeit, in der der Flughafen der Stadt noch Anlass für Stolz und nicht für schale Witze war. West-Berlin war in Herbert Maschkes Blick sauber, auf Ordnung bedacht, bieder. Den Wandel zu einer verwilderten Urbanität in den Siebzigern fing er nur selten ein. Das Bild der beiden Hippies, die 1972 auf einer Decke am Kudamm barfuß sitzen und auf die ein missbilligender Blick eines vorbeilaufenden Passanten fällt, ist eine Ausnahme. Wer sich die Aufnahmen von Ludwig Menkhoff über das Kreuzberg der Siebziger und Achtziger mit echter Armut und inszenierter Kaputtheit vergegenwärtigt, mag nicht glauben, dass Maschke und Menkhoff in der gleichen Stadt wohnten.

Herbert Maschke lässt West-Berlin nicht nur wieder auferstehen, er macht die Geschichte der Stadt auch verständlicher. Er hat die Zerstörung durch den Krieg eingefangen: Kinder sitzen auf Ruinen in Tiergarten, und sie sehen fürchterlich verloren aus; Straßenzüge sind weggebombt und nichts deutet für den Betrachter darauf hin, dass sie je wieder aufgebaut werden könnten. Nicht einmal einen Kilometer vom Ephraim-Palais entfernt läuft die Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“ in der Berlinischen Galerie über die DDR-Fotografie. Dort wird auch eine kleine Reihe der Bilder von Arno Fischer gezeigt. In einer Reihe sind es Fotografien aus Ost-Berlin, in der anderen Reihe ist West-Berlin und gebe es keine Bildunterschriften, man wüsste nicht, in welchem Gebiet man sich vor 50 Jahren gerade befindet. Die allmähliche Trennung der Stadt dauerte wohl genau so lang wie sein Zusammenwachsen.

Kalter Krieg und Wirtschaftswunder – West-Berlin in Farbfotografien von Herbert Maschke. Ephraim-Palais, Poststr. 16, Di 10 bis 18 Uhr, Mi 12 bis 20 Uhr, Do bis So 10 bis 18 Uhr.