Konzert

Eine ganz neue Wagner-Welt in der Philharmonie

Berlin hat drei Opernhäuser. Das ist eine ganze Menge. Ein viertes kommt nun hinzu: die Philharmonie.

Dort führt der unermüdlich großartige Marek Janowski anlässlich der Zweihundert-Jahrfeier von Richard Wagners Geburt, gestützt auf das prachtvoll aufspielende Rundfunk-Sinfonieorchester, nun schon im dritten Jahr nacheinander die Musikdramen des Meisters auf.

Jetzt ist er mit dem Auftakt zum „Ring des Nibelungen“ auf dem Höhepunkt angelangt. Vorgestern hat er mit dem „Rheingold“ wahrhaft triumphal begonnen, heute folgt schon „Die Walküre“ nach. Die Neugier ist groß. Janowski dirigiert mit ruhiger Autorität. Das Orchester ist reich besetzt. Sechs Damen spielen die Harfen beim Einzug Wotans mit seiner Göttermannschaft ins unsichtbare Walhall. Siebzehn Nibelungen schlagen in Fron derart klirrend und klingelnd den Reichtum aus den nicht vorhandenen Nibelheimwänden, dass sich der vor ihnen sitzende Pauker zeitweilig die Ohren zuhalten muss. Wagner klingt in großer Form zweieinhalb pausenlose Stunden mit Selbstverständlichkeit auf. Der Reiz der konzertanten Aufführungen ist es natürlich, sich unabgelenkt von szenischer Wichtigtuerei und Originalitätssucht der Musik zuwenden zu können und gleichzeitig Wagners treffendem Wort. Was für ein sprachgewaltiger Dichter er war! Das wird oft überhört, weil das unermüdliche szenische Herumgefummel von den gesungenen Worten ablenkt. Hier aber nun, in der Philharmonie, stehen die Sänger vor dem Orchester an der Rampe. Man kann ihnen und Wagners Worten Satz für Satz folgen.

Das aber erschließt manchem Hörer eine ganz neue Wagner-Welt. Das unterstützt und beflügelt noch die hervorragenden Leistungen der Sänger. Jedermann kommt sängerisch aus der feinsten Kiste. Günther Groisböck singt mit einigem Trübsinn über den Verlust der fabelhaften Ricarda Merbeth als Freia einen schier unwiderstehlichen Fasolt. Es gelingt ihm allein durch sein Singen aus einer Nebenfigur eine Hauptrolle zu machen. Gleichauf mit ihm in seiner Intensität als Alberich ist der auch darstellerisch vorzügliche Jochen Schmeckenbecher. Ganz was Neues: Professor Loge, in der unübersehbaren Gestalt von Christian Elsner, kann seinen Schüler Tomasz Konieczny als Göttervater Wotan nach Walhall führen. Das kann sich wirklich kein einzelnes Opernhaus leisten.