Fotografie

Ganz nah dran

Alles eine Frage der Perspektive: Anatol Kotte betrachtet die Berühmten auf ungewöhnliche Weise

Es ist wirklich jeder da. Der ehemalige Boxer Axel Schulz, Verteidigungsminister Thomas de Maizière, Til Schweiger, Angela Merkel. Der Musiker Rufus Wainwright hat es sich auf dem Boden bequem gemacht, Harald Juhnke streckt die Zunge raus. Miss Piggy und Kermit der Frosch albern herum. Anatol Kotte hat sie alle an die Wand genagelt. In der Galerie Contributed am Straußberger Platz eröffnet die Ausstellung „Portrait“ des Fotografen mit dem Hamburger Zungeneinschlag, der gemeinhin auch „Promi-Fotograf“ genannt wird.

Aber was soll das schon sein, ein Promifotograf? Anatol Kotte wird 1963 in Minden geboren. Er zieht bald nach Frankfurt, sieht sich als Hesse. Seit zwanzig Jahren wohnt er in Hamburg. Weil man eigentlich gar nichts über ihn weiß, außer, dass er diese grandiosen Portraits für „Zeit“, „Stern“, „Brigitte“, „Cosmopolitan“ und wen auch sonst noch macht, will man natürlich mehr wissen. Auf der Autofahrt von Berlin nach Hamburg telefoniert er also und seine Frau hört mit. Weil sie die Fragen wohl lustig findet, lacht sie und sagt noch aus dem Hintergrund: „Schuhgröße 44, 85 Kilo.“

Spiegelreflexkamera vom Vater

Von seinem Vater bekommt er mit vierzehn eine Spiegelreflex, Modell Exakta, „eine Ostkamera“ sagt Kotte, was irgendwie nach Prädikatsstempel klingt. Mit Optiken kannten die sich ja aus. Im kleinen Labor entwickelt er also selber Fotos und beginnt bald seine Assistenzen bei Wolfgang Karnut, bei Horst Wackerbarth – der Typ, der überall seine rote Coach aufgestellt hat -, dem Werbefotografen Michael Erhardt und vielen mehr. Nebenbei spielt er noch Saxophon und singt in einer Band. Die Auftritte mehren sich und 1982 stellt Karnut Kotte vor die vielleicht wichtigste Entscheidung: Musik oder Fotografie. Kotte entscheidet sich für die Bilder.

Eigentlich stellen besonders berühmte Menschen das denkbar ungünstigste Sujet eines Fotografen dar. Der Schauspieler, die Politikerin oder die Sportskanone haben sich meist nach Jahren der Beobachtung und Präsentation Haltungen angewöhnt, kleine Manierismen kultiviert, die es für Betrachter und Fotografen gleichermaßen langweilig machen, überhaupt noch hinzuschauen. Wir denken an die Merkel-Raute, an Liam Gallaghers Kopf, der eigentlich immer nach oben schaut und wie oft wir das schon gesehen haben. Die Fotografierten und die Fotografen, die diese sich ewig wiederholenden Posen einfangen, tragen einen erheblich Teil dazu bei, dass Prominente häufig nur als Karikatur oder Werbemaskottchen wahrgenommen werden. Aber irgendwie macht Anatol Kotte das anders. Auf den mehr als fünfzig Porträtaufnahmen, die in den Räumen der Galerie verteilt dezent und größtenteils kleinformatig (meist 30x40cm oder 40x30cm) hängen, sucht man das Klischee vergeblich. Wie lange ist es her, dass sich Axel Schulz ohne Fackelmann-Mütze gezeigt hat?

Bei Kotte blickt ein junger verschwitzter Boxer, mit diesen immer geschwollenen Wangen gen Boden. Die Stirn ist von Falten zerfressen. Nur Gesicht und Teile der Brust sind in hellen Graustufen gezeichnet, sonst ist alles Schwarz. Ein heroischer, ein tragischer, weil ganz schön vermöbelter Held. Dieses Portrait zeigt Axel Schulz als Boxer und nicht als Günstig-Haushaltswaren-Vertreter. Es ist 1992, einen Tag vor dem Ende der Documenta, am 19 September, kämpft Schulz in Kassel gegen Bernd Friedrich, gewinnt nach Punkten in der 10. Runde. Zu diesem Zeitpunkt hat Axel Schulz noch nie einen Kampf verloren. Er ist 23, in Form und irgendwie ein deutscher Held, und auch ein Held des wiedervereinten Deutschlands. Weil ein Brandenburger Boxer das ganze Land glücklich macht. Kotte steht am Ringrand, fotografiert die Zuhälter, die Kiezgrößen. Kurz nach Ende des Kampfes drückt der Fotograf auf den Auslöser. Und fängt all das in nur dem Bruchteil einer Sekunde ein. Weil die Negative verloren gingen, ist diese Bild eines der wertvollsten der Ausstellung. 23.500 Euro mit Rahmen, Angela Merkel kostet nur 2.900.

Die Arbeiten von Anatol Kotte sind vorwiegend in Schwarzweiß gehalten. Person vor weißem Hintergrund, ganz einfach. Farbe lenkt häufig nur von der Person ab. Schwarzweiß schärft den Blick für Proportionen, für Blickrichtung und Haltung. Die Abwesenheit des Bunten wirkt wie ein Katalysator der Ehrlichkeit. Kotte zitiert jemanden, der mal gesagt haben soll, dass das Leben farbig, die Realität aber schwarz-weiß sei. Und so sich selbst bewusst einengend, gelingt es Kotte Momente und Personen abzubilden, die wir so noch nicht gesehen haben. Die große Kunst seiner Fotografie ist Perspektive, Betrachtungswinkel, Proportion zwischen Bild und Person und natürlich die Schatten, die Personen eine Seele geben. Schatten machen Gesichter ja erst so richtig interessant.

Mal ehrlich, konnte sich jemals irgendeiner vorstellen, das Thomas de Maizière cool aussehen kann? Also so richtig cool? Ein Verteidigungsminister gibt ja eigentlich nicht viel her. Obwohl - zu Guttenberg, die Pilotenbrille und die Ohrenschützer auf dem amerikanischen Flugzeugträger USS Harry S. Truman, egal das war was anderes. De Maizère punktet jedenfalls nicht durch öffentlichkeitswirksame Auftritte wie sein Vorgänger. Kotte gefällt das Foto auch, weil es das Böse in de Maizière zeige. Weil das ja sein Job sei, wie Kotte feststellt, böse sein und in Talkshows nicht die Wahrheit sagen.

Überhaupt, es ist so, dass er die Porträtierten nicht mögen muss, um gut zu arbeiten. Sich an das Merkel-Bild erinnernd, auch eines der wenigen ohne ihre Fingergeste, setzt er an: „Die Kanzlerin ist unangenehm zu fotografieren. Sie kommt in den Raum, will kein Portrait. Schon gar kein Bild von hinten. Es scheint, als müsse sie ihr ganzes Leben kontrollieren.“

Andere, die er fotografiert hat, finden den Weg erst gar nicht in die Galerie. Philipp Rösler fehlt, und ein Politiker mit Hornbrille, an den sich Kotte nicht mehr erinnern kann, auch. „Zu langweilig. Es gibt einfach Leute, die langweilig sind. Rösler hängt deswegen gar nicht.“ Heiner Geißler aber, den will Kotte unbedingt noch porträtieren. Westerwelle übrigens auch. „Allein schon wegen der Physiognomie. Die ist bei Westerwelle wahnsinnig interessant.“

Beim Fotografieren von Prominenten und Politikern bleibt meist wenig Zeit für das eigentliche Shooting. Kottes Taktik: Schnell abklopfen, wie weit er gehen kann, ein kleiner Witz zu Auflockerung und natürlich Vorbereitung und Überrumpelung. „Wenn man nur fünf Minuten hat, können die gar nicht so schnell ihre Maske aufsetzen“. Für Wolfgang Schäuble hatte er dreieinhalb Minuten, für die Kanzlerin mussten noch weniger reichen. Da gilt es sich gut zu überlegen, was wo fotografiert und wie ausgeleuchtet wird. Im Gang eines Ministeriums zu fotografieren, sei so Kotte, die schlechteste Idee von allen. Ständig grüße jemand, das sei nichts. Termine mit Miss Piggy und Kermit sind natürlich dankbarer.

Der Körper verschwindet

Angeblich sollen die Aufnahmen des Fotografen kühl und distanziert sein, steht in der Ankündigung zur Ausstellung. Kühl liest sich etwa so wie „emotional verarmt“. Aber so ein Joachim Gauck, 2011 in Berlin aufgenommen, der hat schon Tiefe und man hat das Gefühl, auch wenn’s nur schwarz-weiß ist, und der Kopf gar nicht ganz drauf ist auf dem Bild, dass man direkt in ihn hineinschaut. Der Daumen, was für einen großen Daumen Gauck hat, drückt auf die Lippen. Die Augen sind nachdenklich geschlossen. Der Körper verschwindet. Wir sehen ein weises, zerfurchtes Gesicht eines Mannes, der schon zu ahnen vermag, welch große Aufgabe bald auf ihn zukommen wird. Aber vermutlich wusste das Kotte schon viel früher als Gauck. Durch seine Kamera blickt er tiefer in die Mächtigen, als Ihnen eigentlich lieb ist.

Anatol Kotte: Portraits. Bis 12.1. 2013, Di-Fr 14-19 Uhr, Sa 12-16 Uhr bei Contributed, Strausberger Platz 16