Förderung

Wünsch Dir was, Berlin: Wir suchen einen Popbeauftragten

Ein Etat von einer Million Euro soll den Musikstandort fördern

Es gehört zu den Dingen, die man nicht sofort verstehen muss. Seit einiger Zeit nun sucht Berlin einen Musikbeauftragten, und man würde denken, gut, darum wird sich wohl André Schmitz kümmern. Es macht sich aber nicht der Kulturstaatssekretär Gedanken um die Besetzung dieses Postens, sondern Björn Böhning. Der wiederum ist Chef der Senatskanzlei. Wer sich umhört, warum das so ist, wird eine Auswahl von mittelstarken Argumenten hören: Das Medienboard Berlin-Brandenburg gehöre ja auch zur Senatskanzlei, der pop-interessierte Böhning sei geeigneter als Opernfreund Schmitz. Und außerdem stehe es ja im Koalitionsvertrag so drin. Die angeführten Gründe überraschen ein wenig. Bislang dachte man, die Verteilung der Zuständigkeiten innerhalb einer Regierung würde nach inhaltlichen Überlegungen entschieden werden und nicht nach den Vorlieben einzelner Politiker. Auch die Konstruktion von Sachzwängen ist etwas zu augenscheinlich: Ein Koalitionsvertrag ist ja das Werk der regierenden Parteien und nicht (zumindest selten) eine Naturkatastrophe.

Wie dem auch sei, am Anfang des kommenden Jahres soll ein Popbeauftragter seinen Job anfangen. Die Idee ist eine „Kontakt- und Förderstelle für Pop- und Rockmusik, ein sogenanntes Musicboard“ einzurichten. Gefunden hat man noch keinen. Auf zwei Jahre ist die Stelle befristet, vorgesehen ist ein Etat von einer Million Euro. Das mag auch an den Zeiten liegen, dass man nicht mehr recht weiß, ob diese Million jetzt viel oder wenig Geld ist. Im Vergleich zu den Milliarden für den Flughafen Schönefeld ist natürlich jede Ausgabe in der Kultur eine Minimalabweichung hinter dem Komma. Andererseits, für die freie Kunstszene hat die Stadt pro Jahr lediglich 4,5 Millionen Euro vorgesehen. Einen „bundesweit einzigartigen Akzent“ hatte Klaus Wowereit die Förderung des Berliner Musikstandorts genannt. In Berlin gönnt man sich noch was.

SPD-Mann Björn Böhning vermittelt jedenfalls den Eindruck, als habe er quasi auf öffentlichen Druck gehandelt: „Die Szene will einen einheitlichen Ansprechpartner, sie hat sich einen Rockbeauftragten gewünscht“, sagt er. Egal, ob es um geeignete Proberäume gehe oder Konflikte um den Lärmschutz, Musiker, Plattenlabel und Veranstalter wüssten nicht recht, an wen von der staatlichen Seite sie sich eigentlich wenden müssten. Drei Kriterien müsse der Mann oder die Frau erfüllen: Er oder sie müsse sich der Verantwortung bewusst sein, dass er als Beauftragter des Senats handele, und die öffentliche Rolle verantwortungsvoll übernehmen. Wichtig sei, dass man in der Szene verankert sei. Und ein „erhöhtes Verhandlungsgeschick“ verlangt Björn Böhning. Ach ja, internationale Erfahrung wünsche man sich auch.

Hm, das sind natürlich stramme Anforderungen, denkt man sich, während man sich vorstellt, wie ein jung gebliebener Szeneveteran mit tadellosen Manieren nachts unermüdlich um die Häuser zieht und am nächsten Morgen hellwach mit den Bürokraten durch das Verwaltungsrecht stöbert und ein paar Initiativen zum Thema Lärmschutzemission anschiebt. Björn Böhning kann die Skepsis nicht nachvollziehen und glaubt, dass der Senat noch den Richtigen finden werde, zweistellig sei die Bewerberzahl. Ob der Musikbeauftragte auch zu Jahresbeginn anfangen könne, darauf mag sich Böhning nicht festlegen. Drei Schwerpunkte im Jahr setzte der Senat seinem Beauftragten: 2013 werde das zum einen eine „Lärmkampagne“ sein, da gehe es laut Böhning darum, eine „atmosphärische Verbesserung“ zwischen Klubs und Anwohnern zu erreichen. An den Verordnungen, was die Lautstärke zur späten Abendstunde betrifft, sei nicht zu deuteln, daher müsse man versuchen, in den Dialog zu treten. Zudem stehe Nachwuchsförderung und Infrastruktur (Probebühnen, Aufführungsmöglichkeiten) auf dem Plan.

Sven Regener, Sänger von Element of Crime, erzählte mal mit unüberhörbaren Stolz, dass Rockmusik der einzige Bereich der Kultur sei, der quasi ohne Staatsgelder und Subventionen durchkomme. Entweder die Leute mögen dich und kaufen deine Platten oder du muss halt was anderes machen, sagte er sinngemäß. Das ist jetzt Stolz von gestern.