Krimi

Mit der Kunst der Mathematik gelingt auch der perfekte Mord

Achtung Schüler! Mathematiklehrer Tetsuya Ishigami aus Tokio hat einen feinen Vorschlag. Es sei sinnlos, der Allgemeinheit Mathematik beizubringen. Es genüge, darauf hinzuweisen, dass es eine Wissenschaft namens Mathematik gibt. Bloß die Sache mit dem Toten passt wenig zu Ishigamis Gutherzigkeit. Mord war im Krimi immer eine Idee und seine Aufklärung Ergebnis gründlichen Nachdenkens. Bei Edgar Allan Poe ist der erste Detektiv der Literatur ein Deduktionist. Verbrechen als geistige Herausforderung begleitet uns Leser seitdem, Holmes und Moriarty spielten das Spiel, Inspektor Columbos Lebensaufgabe ist es, die Theorie vom perfekten Verbrechen ad absurdum zu führen. Was Menschen sich an falschen Spuren ausgedacht haben, können Menschen auch auflösen. Deshalb ist es eine hübsche Kampfansage, wenn Mathematiker Ishigami vor der Leiche steht, die seine Nachbarin produziert hat, und sagt: „Mit logischem Denken werden wir alles heil überstehen.“

Anders als seine Schüler liebt Ishigami die Mathematik. Er liebt auch die Frau von nebenan, die ihren schurkenhaften Ex-Mann erwürgt. Ishigami bietet seine Hilfe an und entwirft einen Plan. Dieser Grundriss füllt Keigo Higashinos Roman „Verdächtige Geliebte“. In Japan sind das Buch und sein Autor nach zwei Millionen verkauften Exemplaren und einer Verfilmung berühmt. Ishigami legt Spuren, echte und falsche. Die Leiche taucht weit entfernt vom Tatort auf. Die Leiche führt dennoch bald zu der Ex-Frau, doch deren Alibi ist fest. Die Polizei rätselt. Ishigamis Plan, das wird nach und nach klar, beruht auf der Schwäche seiner Gegner. Der Leser fiebert mit den Tätern. Die Idee soll siegen. Gerechtigkeit? Unlogisch.

So fade das Buch beginnt, so zielsicher Higashino den Leser in die triste Welt des Mathe-Lehrers einführt, so konkret wird zum Ende hin jeder Hinweis, der unterwegs ausgestreut wurde. „Verdächtige Geliebte“ ist ein Spiel, das sich auch Späße auf Kosten des Lesers erlaubt. Jede Beweiswand wird auf Löcher abgeklopft. Und der Autor ruft oft genug: „Reingefallen!“ Die Schönheit der Mathematik beruht auf Zahlen und Formeln innerhalb ihrer Systeme. Es ist eine strenge Geisteswissenschaft. Im Leben aber gibt es keine der nötigen Begrenzungen und Vereinbarungen. Deshalb greift irgendwann die Logik des Kriminalromans, derzufolge eine Geschichte am besten zu Ende geht, wenn ihr schlechtestmögliches Ergebnis erreicht ist. Ohne zu viel zu verraten, wird der Beweis gleich mitgeliefert. Quod erat demonstrandum.

Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte. Klett-Cotta, 19,95 Euro