Geitels Geschichten

Begnadete Stimme, begnadete Figur

Klaus Geitel über den Traumbariton Karl Schmitt-Walter

Keine Frage: er war ein Star – und dies nicht nur in Berlin. Karl Schmitt-Walter verstand es, Sensation zu machen. Er war eine Ohrenweide, aber eine Augenweide war er zugleich. Man konnte sich nicht satt an ihm hören und sehen. Das ist noch immer eine Seltenheit auf der Opernbühne. Schmitt-Walter besaß die Figur eines Traumtenors, dabei sang er in der Baritonlage. Er war seit 1935 dem Deutschen Opernhaus in Berlin verpflichtet, aber stand mit den Kollegen der Staatsoper auf bestem Fuß. Er wusste offensichtlich genau, wer er war und was er konnte. Publikumslieblinge sind selten, sie wissen aber haargenau, in welche Kategorie sie gehören.

Schmitt-Walter schrieb sich am 12. November 1939 ohne große Umstände in mein noch funkelnagelneues Autogrammbuch ein. Er trat in der Philharmonie in einem Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten der Winterhilfe in Kriegszeiten auf. Diese Hilfe hatten damals viele bitter nötig, und viele, die man tatsächlich „gottbegnadet “ nennen konnte, sprangen herbei, das Elend zu lindern.

Von den unentbehrlich kostbaren Damen standen Margarete Klose und Tiana Lemnitz bereit, im ersten Teil des Konzerts Lieder vorzutragen, darüber hinaus auch Max Lorenz, der bewundertste aller Heldentenöre. Ein weiterer Singstar hatte sich eingefunden, der Superschnulzier, der allen Kriegsmüttern regelmäßig im Radio sein „Gute Nacht, Mutter“ wünschte: der Bassist Wilhelm Strienz. Eine tollere Singrunde deutscher Zunge war damals kaum auf einem Podium zu vereinen.

Nach der Pause wechselte man von den Liedern zu beliebten Arien über. Der frenetische Beifall schien schon vor den britischen Bomben den Saal zerstören zu wollen, so lautstark brandete er zur Decke empor. Er hämmerte sich unverlierbar in die Erinnerung ein und er fiel natürlich auch über Schmitt-Walter her. Er hatte sich als der Herzensbrecher Danilo in Lehárs „ Die lustige Witwe“ zum Publikumsliebling gemacht. Im Grunde hätte man das Werk längst in „Die listige Witwe“ umtaufen können: ein Einfall ganz nach dem gewitzten Herzen von Erika Köth.

Schmitt-Walter stand damals schon an der Grenze seiner vierziger Jahre, aber er sang frisch wie am ersten Tag. Er warf sich mit Lust und Singlaune in die Rollen und steckte mit seiner Darstellungsphantasie unfehlbar das Publikum an. Im Jahr 1900 geboren, hatte Karl Schmitt-Walter mit 21 in Nürnberg debütiert, war dann aber klugerweise noch einmal in die Lehrstube des Singens zurückgekehrt. Das hat noch keinem geschadet. Geduldig nahm er zwei weitere Jahre Unterricht. 1924 ging er an das Stadttheater in Oberhausen, dann nach Saarbrücken, anschließend für zwei Jahre nach Dortmund. Schmitt-Walter fiel seine goldene Karriere nachweislich nicht in den Schoß. Sechs volle Jahre blieb er in Wiesbaden kleben. Dort aber stand immerhin ein ruhmreiches Opernhaus. Und dort auch entdeckte man ihn endlich für Berlin.

Zehn volle Jahre hatte der Aufstieg gedauert. Nun nutzte Schmitt-Walter ihn fleißig in aller Welt. Noch nach dem Krieg machte er in Bayreuth als Beckmesser in den „Meistersingern“ Furore. Er ging im Weltrepertoire aus und ein. Nie hat man wohl einen verführerischen „Don Giovanni“ gehört und gesehen, schlank, wohlgestalt und kussfreudig, wenn er auf der Bühne nicht gerade mit dem lästigen Singen beschäftigt war. Es ging bezaubernd ins Ohr und man konnte sich mühelos vorstellen, dass er seine Liebespartnerinnen auf der Bühne durchaus nicht in den Schlaf sang.

Natürlich war er seit den verlockenden Tagen als bezaubernder Verführer der „Lustigen Witwe“ darin geübt. Aber ein Operetten-Liebhaber zu sein und gleichzeitig ein vorbildlicher Wagnerianer, das ist nun wirklich nicht jedem gegeben. Schmitt-Walter hat es sich, offenbar in aller Seelenruhe erkämpft. Er wurde gesegnete 85 Jahre alt.