Kunst

Menschen und ihre Begierden

Der Berliner Maler Johannes Grützke bekommt den Hannah-Höch-Preis – und endlich auch eine große Retrospektive

Frech und verschmitzt blickt sie uns an, die überlebensgroße Nackte, die in gleich dreifacher Ausführung sich selbst entfesselt, dabei viel Fleisch entblößt, das alles in unterschiedlichen Brauntönen und mit grobem Pinselstrich. So stellte der West-Berliner Künstler Johannes Grützke 1972 die weibliche Emanzipation malerisch dar. Von Anfang an waren die Bilder des West-Berliners ein deutliches Statement gegen das Diktat der Abstraktion. Konsequent entschied er sich schon damals für eine schamlos „fleischliche“ Variante der gegenständlichen Malerei, bei der für ihn der Mensch mit all seinen Begierden, Schwächen und Abgründen im Mittelpunkt steht. Dabei bevorzugt Grützke monumentale Bildformate, die große theatralische Geste und die ironische Brechung. Überall spürt man den Schalk in seinen Bildern aufblitzen, den scharf-kritischen, humorvollen Blick auf Geschichte und Gesellschaft.

Grotesk, kritisch, humorvoll

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit weiß das zu schätzen, in einem festlichen Akt verlieh er Grützke jetzt in der Nikolaikirche den Hannah-Höch-Preis des Landes. Schon im Vorfeld lobte er die „weise Entscheidung“, denn Grützkes „Ölgemälde scheinen sich vor praller Fleischlichkeit fast zu biegen und kommentieren doch auch Zeitgeschehen und gesellschaftliche wie seelische Zustände hintergründig-ironisch“. Aus Anlass Preisverleihung widmet das Ephraim-Palais dem Schaffen des heute 75-Jährigen nun die lang verdiente Retrospektive in der Heimatstadt. Mit über 200 Arbeiten – darunter neben großformatigen Ölgemälden auch grafische Einzelbilder und Zyklen sowie Buchkunstprojekte und Bühnenbildentwürfe – erhält man einen guten Überblick über das Gesamtwerk eines der bedeutendsten gegenständlichen Maler Deutschlands von den 60er-Jahren bis heute.

Johannes Grützkes Leidenschaft für das Theater – er war als Schauspieler und Stückeschreiber aktiv und hat als Bühnenbildner eng mit Peter Zadek zusammengearbeitet – schlägt sich auch in seiner Malerei nieder, in der ständigen Inszenierung und Selbstinszenierung. Immer wieder macht sich Grützke zum Gegenstand seiner Malerei, tritt dabei in den unterschiedlichsten Rollen auf, die jedoch weit über ihn selbst auf etwas Allgemeines verweisen sollen, denn, so Grützke: „Ich male nur, um etwas über mich selbst zu erfahren. Indem ich mich spiegele, spiegelt sich die ganze Welt in meinem Spiegel.“ Den Spiegel hält er seinen Zeitgenossen wahrlich und äußerst lustvoll vor, mehr als Zerrspiegel allerdings, in handwerklich perfektem Realismus, doch stets grotesker Überzeichnung, ein malerisch kraftvoller, ästhetisch bisweilen schwer verdaulicher Kommentar auf gesellschaftliche Neurosen, Inseldasein im alten West-Berlin, den Kalten Krieg und die Nachwendezeit. Dabei ist Grützke immer kritisch, oft genug satirisch und dadurch konsequent politisch.

Einen jovialen Walter Ulbricht lässt Grützke 1970 inmitten von Frauen in folkloristischen Trachten zum Freudentanz auf den Arbeiter- und Bauernstaat auftanzen – gleichermaßen ein Seitenhieb auf das politische System im Osten und den dort verordneten Malstil des Sozialistischen Realismus. Seine nackte Freiheit („Darstellung der Freiheit“, 1972) springt einzig in High-Heels und mit Handtasche, aus der die Antibabypillen fallen, über einen Zaun – ein Spiel mit Eugène Delacroix und politisch ein Kommentar nicht nur auf die sexuelle Befreiung der Frau, sondern auch auf die deutsche Teilung. So leichtfüßig können sich in einer Bildkomposition von Grützke kunsthistorische Auseinandersetzung, gesellschaftlicher Spiegel und politische Anspielung miteinander verschränken – das gibt seinen Gemälden Vielschichtigkeit und Tiefe, aber auch den nicht wegzudenkenden Humor, das verschmitzte Augenzwinkern, mit dem er den Dialog mit seinen Betrachtern stets aufs Neue theatralisch inszeniert.

Bescheidenheit ist dabei nicht Grützkes Sache: „Seht, da bin ich. Seid froh, dass ich da bin. ... Wer mich kennt hat Glück. Wer Glück hat, liebt. Ich liebe euch, weil ich mich selber liebe. Und wer mich liebt, liebt sich. Was ich euch sage, sage ich zu mir selber. Beobachtet euch, spiegelt euch, bemerkt euch selbst. ... Werdet wichtig, werdet wie ich, Johannes Grützke“, deklamierte er 1988 in dem NDR-Film „Narziß und Goldmund“. Seine Zeitgenossen fühlten sich von Grützkes Äußerungen provoziert. Ein Gemälde wie „Fünf nackte Männer“ von 1971 – es zeigt Grützke nackt und in fünffacher Ausführung – musste bei einer Ausstellung in Hamburg wegen des Vorwurfs der Pornografie abgehängt werden. Mythen, Geschichte und Politik interessieren Grützke ebenso wie Banales aus dem Alltagsleben, Hohes und Tiefes mischen sich ohne Unterschied, und immer handelt es sich dabei auch um eine Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte: der Historienmalerei, der Aktmalerei und der religiösen Darstellung. Der Gegenständlichkeit bleibt er bis heute prächtig-prall treu. Als einfacher Realist will er sich nicht verstanden wissen. Die Realität gibt nur den Anlass für seine Malerei.

Ephraim-Palais/Stadtmuseum Berlin, Poststr. 16. Di, Do-So 11-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr. Bis 17. Februar.