KunstSache

Casanova zieht durch Schöneberg

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma, meine Freundin, kann’s nicht lassen. Sie will sich unbedingt „Casanovas Traum“ angucken. Das ist der Typ, der mal gesagt hat, 3/4 der Liebe besteht nur aus Neugier. Als ob Emma jemals die Memoiren des Liebes-Hasardeurs gelesen hätte. „Casanovas Traum“ ist nun nicht etwa ein Erotic Thriller im Kino, sondern eine kleine, feine Ausstellungen in der Werkstattgalerie in Schöneberg. Mit etwa vier Dutzend fragilen Collagen wandeln wir auf den erotischen Pfaden des Venezianers.

So viel Lust und Libertinage gab’s wohl selten an den weißen Wänden, die Hüllen fallen in jeder Szene, hier scheint jeder jeden zu lieben. Götter, Jungfrauen und Zwitterwesen bevölkern surreale Räume, Landschaften und Architekturen. Emma findet, das man sich regelrecht in diese Bildchen hinein gucken muss mit allen ihren Symbolen und mythologischen Verweisen. Eines ist klar: hier geht es um Freiheit in allen Lebenslagen. Und das Schöne ist, dass diese Blätter eine besondere Berliner Künstlergeschichte aufblättern, die über 40 Jahre zurückliegt. Es ist das Jahr 1967: Der Schah besucht West-Berlin, die Studentenunruhen greifen um sich, und Rudolf zur Lippe, der junge Lektor, rätselt, wie er für die aktuelle Casanova-Ausgabe den utopischen Roman „Eduard und Elisabeth“ bei Propyläen wohl illustrieren kann. Ein moderner Auftritt soll es sein, von einem Künstler gestaltet. Zusammen mit Verleger Wolf Jobst Siedler kommt er auf den Bildhauer Bernhard Heiliger, der an der Hochschule der Künste lehrt. Der holt den befreundeten Maler Alexander Camaro ins Boot. Ohnehin arbeiten die zwei zusammen an der „Faust II“-Inszenierung fürs Schiller-Theater, Kostüme und Bühnenbild. Wenn Lippe erzählt, weiß man, dass das damals ein Heidenspaß gewesen ist.

Einen Winter lang kamen die Drei jeden Sonnabend zusammen in Lippes Bude, bis Mitternacht, bei einigen Fläschchen Wein, diskutierte die heilige Trias, kopierte, schnitt und schnipselte und klebte an den Blättern. Den digitalen Photoshop gab es noch nicht. Als Vorlagen dienten historische Stiche des 17. und 18. Jahrhunderts, die zur Lippe in der Kunstbibliothek einsehen konnte. Lippe hatte diese handgefertigten Illustrationen Jahrzehnte in einer Schublade verstaut, jetzt sind sie eine Art Zeitdokument aus der Mauerstadt. Emma blättert durch eine dieser alten Casanova-Ausgaben von 1967 und kann es kaum fassen, dass dort einzelne Blätter auf Silber gedruckt und noch von Hand geklebt wurden. Wie schön doch Originale sind. (Werkstattgalerie, Eisenacher Str. 6., Schöneberg, 12-20 Uhr, Sa 12-18 Uhr. Bis 24.11.)

Tilo Baumgärtel ist zwar kein Casanova, aber seine Zeichnungen und Gemälde sind ähnlich szenenartig und erzählerisch angelegt wie die Illustrationen. Kein Wunder, sagt Emma, dass der Leipziger Maler, Jahrgang 1972, damit den Sprung zum „Bühnenbildner“ gemacht hat. Meisterschüler von Arno Rink und jahrelang direkter Atelier-Nachbar von Neo Rauch, Ikone der Neuen Leipziger Schule – da musste Baumgärtel sich irgendwie emanzipieren, und so setzt er seine rätselhaften Figuren aus Zeichnungen und Malerei kurzerhand in Bewegung. Ziemlich raffiniert.

Fürs Maxim Gorki Theater entwarf er für Sebastian Hartmanns furiosen „Trinker“ von Fallada ein tolles Video. Ein animiertes Delirium im Gewimmel schwarzer Striche, Formen im Wahn: tanzende Hackebeilchen, Bluttropfen, Fratzen, Häuser mit glotzenden Augen und flatternde Libellen. In der Video-Installation zur Inszenierung „Krieg und Frieden“ geht’s noch arger zu, der Betrachter hetzt durch die endlos langen Gänge eines virtuellen Schlosses, das Emma an Versailles erinnert. Nun steht sie vor „Tilo“, einem surrealen Minigemälde. Ein Selbstporträt? Doch was soll da der Pudel mit der coolen Frisur? Emma jedenfalls ist begeistert. (Galerie Christian Ehrentraut, Friedrichstr. 123, Mitte. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 8.12.)