Kino

„Das Oscar-Ticket ist ab sofort abgelaufen“

Erfolgsregisseur Stefan Ruzowitzky über Fluch und Segen der Trophäe und seinen ersten Hollywood-Film

Stefan Ruzowitzky war schon immer vom Erfolg verwöhnt, bei Filmen wie „Die Siebtelbauern“ oder „Anatomie“. Die Krönung war der Auslands-Oscar für sein in Babelsberg produziertes KZ-Drama „Die Fälscher“ 2008. Jetzt hat er mit Eric Bana und Kris Kristofferson seinen ersten Hollywoodfilm gedreht, „Cold Blood“, ein knallharter Thriller im eisigen Kanada, in dem ein brutaler Verbrecher am Valentinstag buchstäblich in eine Familienfeier hereinschneit. Der Film kommt am Donnerstag in unsere Kinos. Außerdem führte der Wiener bereits Gespräche mit Jude Law und Ben Kingsley über ein weiteres Projekt. Er hat also einen Lauf. Zum Interview kommt Ruzowitzky indes völlig erkältet. Und baut erst mal Arzneien vor sich auf. Peter Zander hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Herr Ruzowitzky, Sie klingen fürchterlich.

Stefan Ruzowitzky:

Ich weiß. Ich war gestern beim HNO-Arzt, der meint, es ist alles vereitert bis zum Kehlkopf. Ich muss etwas leiser sprechen, dann geht’s.

Das ist, verzeihen Sie, nicht ohne Ironie, wenn man zuvor einen Thriller im kältesten Zipfel von Kanada gedreht hat.

Die wirkliche Ironie ist aber die, dass ich mir die Erkältung in Florida geholt habe, in einem irrwitzig unterkühlten Lokal.

Wenn ich’s nicht gewusst hätte, hätte ich gesagt, dass ist ein ganz amerikanischer Film.

Dann hab ich mein Klassenziel erreicht. Denn genauso habe ich ihn angelegt. Allerdings haben wir in Kanada gedreht, mit einem australischen Schauspieler und einem südafrikanischen Geldgeber. Aber so funktioniert das in Hollywood ja oft.

Wie kam der Film ausgerechnet an Sie?

Wie das so läuft: Der Agent schickt dir Bücher. Die reden allerdings meist mit mehreren Regisseuren parallel. Wenn du gleiche Visionen teilst, bist du „attached“. Und arbeitest am Drehbuch mit. 94 Prozent aller Projekte gehen über dieses Stadium nie hinaus. Rein statistisch brauche ich also 20 Projekte, damit eins was wird.

Das heißt aber: Seit Ihrem Oscar sind Sie da drüben jetzt schon ein Name.

Ja. Schon. Aber in der Oberklasse bist du trotzdem noch ganz unten. Das ist eine prinzipielle Entscheidung, die du treffen musst: Nutze ich den Oscar, um es am heimischen Markt leichter zu haben? Oder fange ich wieder ganz unten an? Und das fand ich in diesem Fall das Interessantere.

Und wie war die Erfahrung, mit solchen Stars zu arbeiten? Ist das komplett anders oder kochen die auch nur mit Wasser?

Auf eine Weise ist es genauso. Ob das Stars sind oder nicht: Letztlich sind alles nur Beteiligte an einem Arbeitsprozess. Manche sind einfacher und manche komplizierter. Die Chemie muss halt stimmen. Und es geht immer um Vertrauen. Wer sich in guten Händen fühlt, ist in der Regel auch unkompliziert. Wenn sie dem Regisseur nichts zutrauen, kommen die Sonderwürste. Was anders ist: Im Hollywood-Starsystem gibt es ein anderes Gewicht auf den Star-Faktor Charisma. Es gibt Schauspieler, da reicht manchmal wirklich schon die Ausstrahlung. Sissy Spacek oder Eric Bana müssen gar nicht so viel spielen, da ist einfach diese Persönlichkeit. Kris Kristofferson, was hatte der für Texthänger, aber in der Großaufnahme zuckt der mit den Augenwinkeln – und der Saal erbebt. Bei uns ist das System, gerade an Schauspielschulen, eher so, den wandlungsfähigen Schauspieler fürs Stadttheater auszubilden. Heute Macbeth und morgen Pension Schöller.

Das große Klischee ist ja, dass der Regisseur in Hollywood nicht viel zu melden hat. Ist „Cold Blood“ ein reiner Ruzowitzky oder mussten Sie Zugeständnisse machen?

Sie haben schon einmal versucht, auf Hollywood zu machen. Mit der Kriegsklamotte „Die Männer Ihrer Majestät“.

Ach ja, das ist der schwarze Punkt in meiner Filmographie. Das ist aber kein Hollywoodfilm im klassischen Sinn. Da gab es nur Matt LeBlanc als einzigen Amerikaner, sonst wurde das in Ungarn und Österreich gedreht, das gesamte Team war deutsch. Und wir versuchten auf amerikanisch zu machen. Von vornherein war das Ganze zum Scheitern verurteilt.

Und möchten Sie jetzt das Oscar-Ticket nutzen, um dort groß einzusteigen?

Das Oscar-Ticket ist ja ab sofort abgelaufen. Jetzt gibt es nur noch das „Cold Blood“-Ticket. Es gilt ja immer nur, was du als Letztes gemacht hast. Es wäre aber schon der größte Luxus, wenn ich fortan zwei Standbeine hätte: eins hüben und eins drüben. Ein Standbein habe ich noch nicht, aber meinen Zeh hab ich jetzt mal in den See gesteckt. Mal sehen, wie das da jetzt ankommt.

Ihr Kollege Florian Henckel von Donnersmarck ist ja gleich nach dem Oscar rübergezogen und hat alle Zelte abgebrochen.

Ja, das war wohl nicht klug.

Ist Ihr Marktwert denn in Österreich gestiegen? Sie sind immerhin der Erste, der einen Oscar in dieses Land gebracht hat.

Naja. Ich bin der erste österreichische Oscar-Gewinner, der davor nicht aus dem Land gejagt worden ist! Wenn Sie all die Billy Wilders oder Eric Pressburgers zusammenzählen, da kommt schon eine stattliche Zahl zusammen. Na gut: Ich bin jetzt so eine Art Nationalheiliger. Das schmeichelt ja auch der Eitelkeit.

In deutschen Landen freut man sich erst mal über einen Erfolg, dann schlägt das aber schnell in Neid und Missgunst um. Wie ist das in Österreich? Heißt es da auch schon, sie tragen die Nase hoch?

Also zum einen habe ich mich sehr darum bemüht, die Nase nicht so hoch zu tragen. Das Tragische beim Kollegen Donnersmarck war halt, dass er diesen Riesenerfolg gleich bei seinem ersten Film hatte. Das ist mehr Bürde als Geschenk, denn so früh kannst du das noch nicht einordnen. Ich habe schon meine Ups und Downs gehabt; ich hatte Zeiten, wo ich dachte, ich wüsste, wie’s geht. Und dann fiel ich mit jenem bewussten Film empfindlich auf die Nase. Deshalb weiß ich heute, der Oscar hilft mir, aber er wird mich nicht davon abhalten, falsche Entscheidungen zu treffen und wieder auf die Nase zu fallen. Da ist man ein wenig demütiger.