Musik

„Triff die Töne oder reiß die Latte“

Die russische Sopranistin Julia Novikova singt die Königin der Nacht an der Komischen Oper. Ein Treffen vor der Premiere

Irgendwann wirkt ihr Lächeln etwas verunsichert. Es geht um das Klischee, wonach alle russischen Sängerinnen Mode und Champagner lieben und nur durch die Welt jetten wollen. Julia Novikova zuckt mit den Achseln, sie versteht zunächst das deutsche Klischee nicht. „Das mag doch jede Frau, oder nicht?“, sagt sie dann: „Ja, es gibt glamouröse Momente, die nicht direkt mit der Bühne zu tun haben und voll dem Klischee einer Operndiva entsprechen. Wenn ich zum Beispiel von großen Designern für meine Konzerte ausgestattet werde oder mit Placido Domingo in seinem Privatjet nach London fliege wie diesen Sommer – aber das ist natürlich nicht jeden Tag der Fall.“

Festes Ensemblemitglied

Ihr Alltag ist im Moment voller Proben. Die Sopranistin singt die Königin der Nacht in Mozarts „Die Zauberflöte“ an der Komischen Oper. In genau einer Woche ist die Premiere. Für den Schlussprobenstress wirkt Julia Novikova erstaunlich gelassen. Seit dieser Spielzeit ist die junge Sopranistin, die bitteschön ihr Alter nicht verraten möchte, aber betont, bloß noch keine 30 zu sein, festes Ensemblemitglied am Hause. Sie ist engagiert als Eurydike im „Orpheus“ und eben als Königin der Nacht. Bereits 2009 sang sie die Gilda – eine Lieblingspartie, wie sie sagt – in Barrie Koskys „Rigoletto“-Inszenierung. Seit dieser Spielzeit ist Kosky Intendant am Hause und die Novikova seine Koloratursopranistin. Vom Typ her ist Julia Novikova eine Nachfolgerin von Mojca Erdmann, die mittlerweile eine beachtliche Solokarriere macht. Beide wirken sehr mädchenhaft, können zauberhaft lächeln und verfügen über einen eher warmherzigen Sopran. Mojca Erdmanns große Karriere begann sofort, nachdem sie die Komische Oper verlassen hatte. Es ist zu ahnen, dass es bei Julia Novikova ähnlich sein wird. Sie hat etwas, zweifellos.

Nur in das Bild der finsteren Königin der Nacht passt sie so überhaupt nicht. Dabei ist es eine ihrer Hauptpartien, sie hat bereits in sechs Inszenierungen mitgewirkt. An die erste in Frankfurt am Main kann sie sich noch gut erinnern, weil sie da eine wunderschöne blaue Perücke aufhatte. „Ich erarbeite jetzt meine erste Neuinszenierung“, sagt sie: „Bisher waren es immer alte Inszenierungen, es gab für mich quasi nie eine Probe mit Orchester. Wie das im Theateralltag immer so ist.“ Wobei es für die Königin überhaupt nicht schwierig sei, meint sie, weil die Rolle nicht sehr lang wäre. „Es ist nicht aufwendig, eine Königin in eine Inszenierung zu platzieren. Königinnen schweben immer irgendwie in der Luft, kommen runter mit einem Sternenumhang.“

Über die Regie an der Komischen Oper will sie nichts verraten. „Alle werden überrascht sein“, verspricht sie. „Nur soviel: Es gibt keine blauen Haare und keine Sterne.“ Erste Szenenfotos zeigen sie als riesige schwarze Spinne auf großer Leinwand. Barrie Kosky inszeniert „Die Zauberflöte“ gemeinsam mit der britischen Theatertruppe „1927“ (in dem Jahr entstand der erste Tonfilm), deren Interaktion zwischen Filmanimation und live agierenden Sängern eine völlig neue Mozart-Ästhetik verspricht. Ein expressionistischer Graphic Novel im Opernformat also. Damit tritt die Komische Oper in Konkurrenz zu den beiden anderen, konservativeren „Zauberflöten“ in der Stadt. Alle drei werden übrigens im Dezember zu sehen sein. Die Staatsoper setzt auf Karl Friedrich Schinkels berühmtes Bühnenbild für den Auftritt der Königin der Nacht mit Sternenkuppel und schmaler Mondsichel. Die Entwürfe des Architekten von 1816 nutzte August Everding für seine Inszenierung 1994. Die Deutsche Oper hatte sich drei Jahre vorher vom verspielten Regisseur Günter Krämer ein großflächiges Märchen auf die Bühne zaubern lassen. Es dürfte die kindgerechteste Berliner Inszenierung bleiben.

Jedes Kind hat wohl schon von der Königin der Nacht gehört, Erwachsene bejubeln regelmäßig die virtuosen Tonsprünge. „Für mich hat die Königin der Nacht etwas von Leistungssport, entweder trifft man die Töne oder reißt die Latte“, sagt Julia Novikova: „Für mich persönlich ist die Rolle eine besondere Herausforderung, da ich äußerlich das Klischee von der Königin als Furie nicht bedienen kann. Ich interpretiere die Figur daher auf meine Art, mit einer gewissen Kühle und Eleganz. Das hat diese Saison in Salzburg sehr gut funktioniert.“

Die Novikova ist eine gebürtige Petersburgerin, dort, wo offenbar jedes Mädchen mit Oper und Ballett aufwächst. „Weil beides sehr zeitaufwendig ist, musste ich mich schon früh zwischen Ballett und der Musik entscheiden“, sagt sie: „Ich habe Klavier und Flöte gelernt und in einem Kinderchor gesungen. Das war eine spannende Zeit, weil wir viele Konzerte hatten und in vielen Ländern, sogar in Japan, gastiert haben. In der Zeit wurde meine Stimme entdeckt.“

In ihrer Familie gibt es keine Musiker, die Eltern sind studierte Ingenieure, die mittlerweile in der IT-Branche arbeiten. „Meine Erinnerungen an die Sowjetzeit sind sehr schwach“, erzählt sie: „Als ich klein war, gab es ja schon die Perestrojka. Ich erinnere mich aber, dass das Leben in Russland nicht sehr fröhlich war. Die Leute mussten sich durch ihr Leben kämpfen.“

Sprung ins kalte Wasser

Nach dem Gesangsstudium am Rimski-Korsakov-Konservatorium in St. Petersburg besuchte sie Verwandte in Dortmund. „Zufällig lernte ich eine Sängerin kennen, die dort im Ensemble war. Durch sie bekam ich die Chance für mein erstes Vorsingen und wurde sofort engagiert. Ich blieb dort zwei Jahre“, sagt sie: „Es war eine interessante Zeit, weil ich viel über das deutsche Ensemblesystem lernen konnte. In vielerlei Hinsicht war es ein Sprung ins kalte Wasser.“ An der Komischen Oper mag sie – natürlich – das „innovative Regietheater und ihre ausgefallenen Inszenierungen.“ Außerdem lobt sie „die nette, offene Atmosphäre hinter den Kulissen“.

Die Bekanntschaft mit Startenor Placido Domingo geht übrigens ins Jahr 2009 zurück, als sie dessen Gesangswettbewerb „Operalia“ gewann. Eine wichtige Erfahrung. Und sie erklärt die Erfahrung damit, „dass man einfach ruhig bleibt, wenn man auf so viele ehrgeizige Sänger trifft. Man muss sich im richtigen Moment konzentrieren und einfach sein Bestes geben.“

Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 4799 74 00. Termine: 25.11. (Premiere), 29.11; 3., 8., 14., 22., 26., 31.12