Opern-Kritik

Das Publikum läuft vor Schlingensiefs Opernregie davon

Natürlich sollte es eine Ehrung für Walter Braunfels werden, den Komponisten und Librettisten dieser „Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“, dem die Nazis das Komponieren verboten hatten, den sie aus allen seinen Ämtern hinauswarfen.

Der aber dennoch sein Heimatland nicht verließ, sondern sich über Jahre hinsetzte, diese „Jeanne d’Arc“ – eine Oper nach den Prozessakten – zu schreiben, die vor über fünf Jahren in der Berliner Deutschen Oper ihre reichlich verspätete Uraufführung erlebte. Nun ist sie in den Spielplan zurückgekehrt, lässt sich inzwischen aber eher als ein Werk des inzwischen verstorbenen Multitalents Christoph Schlingensief betrachten denn als eines von Braunfels. Die Inszenierung tobt unaufhaltsam dahin und lenkt eher vom dramatischen Geschehen ab, statt darauf hinzulenken.

Die Bühne wird geradezu zugeschüttet mit optischen Erlebnissen am laufenden Band. Immer neue Massen paradieren herauf und hinab, Lämmer, Pferde, Schafe machen Braunfels ihre herzlich überflüssige Reverenz, alle eisern damit beschäftigt, von der Musik abzulenken. Aber Matthias Foremny am Pult hält ihr mit seinem Orchester unbeirrt die Treue. Man wäre schon dankbar, wenn manche „Traviata“ von Verdi, mancher „Fliegende Holländer“ von Wagner vergleichbar wohllautend klänge. Wie schon bei der Uraufführung singt die fabelhafte Mary Mills wieder unerschütterlich und wohllautend die Titelpartie, eine Riesenaufgabe, allein schon, sich gegen die Belastungen und Abwechslungen der Regie durchzusetzen, an der drei Schlingensief-Ableger, annähernd bis ans Niederbrechen des Personals, gearbeitet haben.

Die Spielleitung liegt in den schier überfleißigen Händen von Claudia Gotta. Obwohl Jeanne d’Arc ja eher Reims verpflichtet ist, funken schier pausenlos Projektionen von Filmen und Videos herein, die Schlingensief einst in Nepal gedreht hat. Er selbst stand damals hinter der Kamera und lässt schön grüßen. Aber er grüßt ausgerechnet Walter Braunfels nicht, von dem er wahrscheinlich damals gar nichts wusste. Das traurige Ergebnis: In der Pause schon drängen sich die Abhauwilligen an den Garderoben. So etwas hat man noch nie in der Deutschen Oper erlebt.