Geitels Geschichten

Als ganz Berlin einem jungen Dänen zu Füßen lag

Klaus Geitel über den Heldentenor Helge Roswaenge

Er debütierte sozusagen „im fernen Land unnahbar euren Schritten“. Aber es kamen über die Jahrzehnte hin immer wieder treue Opernbesucher nach Neustrelitz ans Mecklenburgische Landestheater und ließen sich dort aufs musikalisch Angenehmste überraschen. Zum Beispiel 1921 durch einen erst 24-jährigen Debütanten dänischer Herkunft im Tenorfach, der sich, furchtlos wie er offenbar war, gleich den Don José in „Carmen“ zur Brust nahm. Wer seine Partnerin war, ist nicht überliefert. Der junge Däne jedoch wurde weltberühmt. Acht Jahre später sah er sich schon an die Berliner Staatsoper berufen und hielt ihr brav bis zum Kriegsende die Treue.

Von Helge Roswaenge ist hier die Rede, dem Unvergesslichen. Dabei stand er auf seinem Platz durchaus nicht allein. Er war geradezu umschwirrt von anderen wundervollen Tenören, von Marcel Wittrisch etwa und Max Lorenz, dem Ideal unter den Heldentenören der Zeit. Sie fanden darüber hinaus Verstärkung durch Künstler wie den hervorragenden Set Svanholm, den ich nach dem Kriege als Intendanten der Schwedischen Oper in Stockholm wiederfand. Schon am 9. Juni 1939 hatte er sich nach einer „Meistersinger“-Aufführung der Staatsoper in mein Autogrammbuch eingetragen, also durch so etwas wie den ersten Schritt in die Unsterblichkeit. Viele wichtigere Schritte sollten Svanholm glücklicherweise noch folgen.

Natürlich hatten sich alle Berliner Opernherzen sehr schnell für Roswaenge entflammt. Er sang nicht nur kraftvoll, schön und mitreißend im vorzüglich italienischen Repertoire, das damals noch deutsch gesungen wurde. Er sah auch prima aus: hochgewachsen, mittelschlank, nicht gerade übertrieben spielfreudig, aber hinreichend heldenhaft, als Liebhaber aller erdenklichen Mimis und Violettas ernst genommen zu werden. Er besaß Charme und ein angemessenes Quantum Schneid. Mit einem Wort: Er zündete, selbst wenn er nicht sang. Das gelang den wenigsten.

Vor allem haperte es damit bei dem vorzüglichen, ein bisschen zu rund geratenen Marcel Wittrisch, dem feinstimmigen Lyriker unter den führenden Tenören Berlins. Sein Pech war es nur, in die der Staatsoper zwangsverordnete Wagner-Periode hineingeboren zu sein, kulminierend in ganzen Gralswochen voller Lohengrine und Parsifalle, aus denen es selbst für weniger heldengemäße Tenöre wie Wittrisch kein Entrinnen gab. Dann gab es auch noch Peter Anders, den blutjüngsten der Berliner Operntenöre, und den dienstältesten, hoch verdienten, wenn vielleicht auch nicht höchst verdienenden Fritz Soot. Er hatte immerhin 1911 in Dresden bei der Uraufführung des „Rosenkavalier“ die musikalisch luxuriös ausgelegte, auf ewig umschwärmte Rolle des Tenors im Hause der Marschallin gesungen. Bis ans Ende seines reichen Lebens blieb Soot der Staatsoper und, soweit es ging, seinen Tenorrollen treu. Aber es war schon trostreicher, seinen späten Auftritten aus dem Wege zu gehen.

Zurück zu Roswaenge. Auch über ihn fielen ungeahnte Herausforderungen her, mit denen er nicht hatte rechnen können. Eine von ihnen war auf den Namen Franca Somigli getauft. Sie war zu Gastspielen in Berlin aus Rom zugewandert. Sie hatte tiefen Eindruck gemacht, als Sängerin wie als Darstellerin, als sie beim Gastspiel der Römischen Oper Puccinis „Mädchen aus dem goldenen Westen“ geradezu singrasend vorgestellt hatte, eine dramatische Sängerin ohnegleichen. Sie machte auch auf die Intendanz tiefen Eindruck.

Selbst Heinz Tietjen erschien sie unwiderstehlich und prompt ließ er sich von ihr belatschern. Sie hatte ihm zu verstehen gegeben, sie würde an seinem Haus liebend gern als Richard Straussens „Salome“ auftreten und die Rolle natürlich auf Deutsch singen. Gesagt – aber nicht getan. Die wunderbare Lügnerin Somigli konnte nur einen einzigen Satz des Werkes auf Deutsch artikulieren: „Lass mich deinen Mund küssen, Jochanaan“. Der kam zwar wiederholt vor, aber für die ganze Oper war das reichlich knapp.

Danach aber bedankte sie sich für die Auftrittsgelegenheit mit einer Glanzleistung in Giordanos „Andrea Chénier“ und unglückseligerweise wurde Helge Roswaenge als Partner von ihr und ihrem Temperament geradezu mitgeschleppt. Er war wohl ihrem Singstil, nicht aber ihrem Laufstil gewachsen - und schon gar nicht, wenn es gemeinsam aufs Schafott ging.

Hand in Hand liefen die beiden Todgeweihten über die nackte Bühne, den Gefängnishof, dem winzigen Karren zu, der sie zum Schafott transportieren sollte. Zu singen brauchten sie dabei nicht mehr, die Oper war bereits an ihr Ende gelangt. Außer Puste aber kam Roswaenge dabei wohl dennoch. Er stolperte sozusagen in den Liebestod. Dem Karren brach die Deichsel. Ob André Chénier und seine Maddalena an jenem durchaus denkwürdigen Abend das Fallbeil erreichten, musste offenbleiben. Der Vorhang fiel in den entzückt rauschenden Beifall und sprach seine eigene Sprache.