Berlins Kunstszene

„Hoffentlich lernen wir hier auch was“

Wo steht Berlins Kunstszene in fünf Jahren? Was bietet die Hauptstadt ihren Künstlern und dem Publikum? Protokoll einer düsteren Konferenz

9.56 Uhr Kulturstaatssekretär André Schmitz braucht dringend ein Tässchen Kaffee. Nervenstärkend, sagt er. „Ein Experiment, das wir zum ersten Mal machen.“ Die Kulturverwaltung hat zu „K 2“ geladen. Eine zweitägige Konferenz rund um das Thema Kunststandort Berlin. Museumsleute, Künstler, Kritiker und Stadtplaner sind ins Podewil gekommen. Überall bekannte Gesichter, die immer dabei sind. Der dritte Stock, wo Schmitz nun begrüßt, wurde als „Basislager“ ausgerufen. So versteht sich die gute alte sozialdemokratische Politik noch heute. „K 2“, flüstert eine Künstlerin. „Gilt der nicht als der schwierigste Berg unter den Achttausendern?“ Recht hat sie.

Schmitz will also gleich auf einen Achttausender mit seiner Kulturpolitik. Eins muss man ihm anrechnen, er hat aus Fehlern gelernt. Und er gibt das zu. 2011 war ein Krisenjahr für die Kunst. Da war zum einen das abrupte Ende des Art Forums, Berlins großer Kunstmesse, „da hätten wir sensibler zuhören müssen“. Die vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit geplante Kunsthalle wurde nichts. „Wir haben die Kunsthalle im Moment nicht mehr auf der Agenda“, sagte Schmitz dem Kulturradio des RBB am Freitag. Die Ausstellung „Based in Berlin“ kostete 1,6 Mio. Euro, ein Testballon, der verpuffte. „Die Schau hätten wir besser in der Szene verankern können“, sagt Schmitz. Da fing es an mit dem Gegenwind. Mehr Diskussion und Transparenz zwischen Kunst und Verwaltung, mehr Geld für Museen und Kunsthäuser, mehr bezahlbare Ateliers, veränderte Liegenschaftspolitik, so fordern Kunstschaffende mit dem Namen „Haben und Brauchen“.

Jetzt sind die Leute dabei, bei „K 2“. Schmitz setzt in diesen frühen Stunden auf Schmusekurs, er ist schließlich ein „gutwilliger, lernender Mann“, der seine Hausaufgaben gemacht hat. Er will wissen, „wie glückliche Kulturpolitik in Berlin aussieht“. Ja, mit Hilfe der „K 2“-Gipfelkonferenz will er ein „neues Leitbild“ im Dialog entwickeln. Dazu die gute Nachricht: 500.000 Euro hat er dieses Jahr mehr für die Kunst und 100 neue Atelier sind dazu gekommen.

10 Uhr „Hoffentlich lernen wir hier auch wirklich etwas“, frotzelt Katja Blomberg, Chefin vom Haus am Waldsee. „Und diskutieren nicht nur das, was wir ohnehin wissen.“ Acht Arbeitsgruppen gibt es. Hier darf gemeckert werden, aber eigentlich sollen Zukunftsvisionen entworfen werden. „Wo liegen die Hot Spots der Kunstszene in fünf Jahren? „Was tut Berlin in fünf Jahren für die Künstlerförderung?“ Und einmal lustig umgekehrt: „Was leistet eigentlich die Kunst zur Stadtentwicklung der nächsten fünf Jahre?“ Drei der acht Leitfragen, die hier über mehrere Stunden in Gruppen besprochen werden.

„Wo ist Mehrwert?“, ruft Monica Bonvicini im Flur. Die Künstlerin sucht eben ihre Thementruppe. In der Gruppe „Ökonomie“ – es geht um den Kunstmarkt – sind noch Plätze frei. In den „Klassenzimmern“ liegen rote, blaue, grüne Blätter auf den Tischen aus, damit jeder etwas notieren kann. Erinnert an die Uni, als noch Zeit war für endlose Diskussionen. Acht sogenannte „Sherpas“, quasi die Bergführer von „K 2“, leiten die Gipfelrouten.

11.48 Uhr Thomas Demand, Berliner Groß-Künstler, trinkt Pfefferminztee und sieht müde aus. Er sucht ein neues Atelier, das alte, im vorderen Bereich der Rieck-Hallen am Hamburger Bahnhof, wird abgerissen. Bis jetzt hat er nichts gefunden. Wie nur wenige Künstler ist er aber in der glücklichen Lage, dass er a) nicht nur ein zweites Standbein im sonnigen L.A. hat, sondern b) auch genug verdient mit seiner Kunst, um sich ein adäquates Studio leisten zu können. Das sieht bei anderen weniger rosig aus. Florian Schöttle, der Atelierbeauftragte des BBK, hat Fakten an der Hand, die belegen, dass die meisten Künstler „bettelarme Hunde“ sind. Die Statistik, die ausliegt, zeigt alles andere als den Glanz der Kunstmetropole Berlin. Rund 70 Prozent der Künstler verdienen unter 12.000 Euro pro Jahr, produzieren Armut an der Grenze zu Hartz IV. Nur 13 Prozent beziehen mit ihrer Kunst etwa 50 Prozent ihrer Einkünfte.

Schöttle hat Zulauf wie nie, er sorgt dafür, dass es bezahlbare Arbeitsräume gibt. Das ist schwieriger geworden. In den zentralen Lagen sind die Gewerbemieten gestiegen, ähnlich wie die Wohnungspreise. Brachen für Zwischenlösungen werden rar, die meisten Häuser sind saniert. Der gute Mann fordert nun „Milieuschutzgebiet“. 250 Euro Miete, rechnet Schöttle seiner Truppe vor, so viel können Künstler im Schnitt aufbringen für ihr Atelier. 1000 Anfragen hat er in diesem Jahr.

Ein neues Künstlerviertel hat Schöttle ausgemacht: Weißensee, dort ist die Kunsthochschule, und dort gibt’s noch Platz in den früheren Industriebrachen. Sollten Künstler mehr politische Verantwortung übernehmen?, kommt die Frage. Thomas Demand illusionslos: „Künstler wollen keine Verantwortung übernehmen – außer für sich selbst.“

14.55 Uhr Nach allen Diskussionen um Gentrifizierung, Liegenschaftspolitik und fehlgeschlagene Stadtplanung tut es gut, dass es Künstler gibt wie Pfelder, der Werke macht wie „Don’t cry. Work“. In der Kantine gibt er einen Milchkaffee aus, er grinst: „Eigentlich möchte ich aufstehen und sagen, mir geht es nicht so schlecht.“ Und dann erzählt er, dass er seinen Arbeitsraum in seiner Wohnung in Moabit hat, dafür unterhält er Kurt-Kurt, einen Projektraum im Geburtshaus von Tucholsky in der Lübecker Straße.

Neulich hat sich die Hausverwaltung den Kunstraum mal erklären lassen, „macht weiter so“, haben die gesagt, die Miete sei okay. Pfelder findet, dass in Berlin noch „ganz viel möglich ist, wenn man nur will, und sich dahinter klemmt.“ Für Paolo Stolpmann laufen die Gespräche hier bei „K 2“ irgendwie „zu ökonomisch und zu pessimistisch“. Sein Arbeitsplatz befindet sich im spektakulären Kunst-Bunker von Christian Boros. „Sagt doch, was schön ist an Berlin. Viele der jungen Künstler kommen doch hierher, weil sich Berlin ständig verändert. Ein bisschen Kampfgeist gehört dazu. Ich bin wohl zu jung und positiv?“, fragt der 25-Jährige kokett.

16.19 Uhr An einer Stadtkarte der Gruppe „Raumordnung“ werden künftige Hot Spots der Szene mit Filzer eingezeichnet. Wohin geht die Fahrt für die Künstler, wo werden sie arbeiten, die Galerien in fünf Jahren sitzen? Nicht nur Thomas Demand findet, dass Mitte total tot ist, zu viel Tourismus, da stagniert künstlerische Entwicklung. Freiräume gibt’s in der Peripherie, Adlershof könnte eine Option sein, auch Tempelhof, das Areal des Flughafens, wenn er dann mal schließt. Doch da soll wohl die Wissenschaft hin. Kreuzberg wird noch interessanter, und die Potsdamer Straße behauptet sich als widerständiger Kiez zwischen Straßenstrich und Gebrauchtwarenhändler.

Aber wahrscheinlich könnten wir auch eine Wahrsagerkugel schütteln, genau weiß das niemand. André Schmitz kommt herein. Mal sehen, wie sein Experiment in der „Raumordnung“ läuft. Ein Dialog ist es nicht. Er notiert etwas in einer Aktenmappe, vielleicht sammelt er die Ideen. Dann guckt er auf sein Blackberry. Der 70. Geburtstag des Stardirigenten Daniel Barenboim wird in der Philharmonie gefeiert, da muss er bald hin.