Musik

Bach und Techno

Pianist Francesco Tristano ist ein Grenzgänger. Das will er in der Philharmonie vorführen

„Die klassische Musik ist tot.“ Wirklich neu sind Provokationen dieser Art nicht, am Ende aber immer wieder gut, die Aufmerksamkeit auf die ach so tote Leiche und ihren vermeintlichen Wiedererwecker zu lenken. Doch Francesco Tristano trifft diese Aussage erstaunlich nüchtern, sucht nicht nach einem emotionalen PR-Weg für sich und sein musikalisches Schaffen, sondern tatsächlich lediglich die schlichte Analyse. „Franz Liszt hat vor 150 Jahren das Klavierrecital sozusagen standardisiert – und 95 Prozent unserer heutigen Programme sind die gleichen wie zu seinen Zeiten. Das Format hat sich einfach nicht weiter entwickelt, ja ihm ist noch nicht einmal die Chance gegeben worden, neue Komponisten ins Spiel zu bringen.“

Liebe zum Barock

Starke Worte für einen gerademal 31-Jährigen. Zumal wenn dieser wie der Luxemburger Pianist gerade selbst ein Album herausgebracht hat, auf dem sich mit Buxtehude und Bach alles andere als moderne Klangschöpfer finden – und der nun mit eben diesem Programm tourt und am 19. November in der Berliner Philharmonie gastiert. Zumal der smarte junge Mann, der seine Hemdenkragen gern mit einem Künstlerhalstuch ziert und auch bei der Wahl seiner Jeans und des Schuhwerks beste Label-Kenntnisse offenbart, kein Geheimnis daraus macht, dass Bach zu seinen Lieblingskomponisten gehört, seit der fünfjährige Francesco sich erstmals ans Klavier gesetzt hat: „Meine Lehrerin wollte mir Mozart und Chopin beibringen, doch ich wollte immer Bach spielen.“ Was ihn bis heute an der gesamten Barockmusik fasziniere und motiviere, sei das „sehr einfache Layout dieser Musik: „Es gibt entweder einen Kontrapunkt, der ganz streng und minimalistisch durchgeführt wird, oder eine Motorik wie bei Bach und auch Vivaldi, ein in seiner Form geradezu ritualistischer Rhythmus – wie eine Art Ur-Techno.“

Ein Vergleich, der so manchen Klassik-Puristen aufschrecken lässt – und doch bezeichnend ist für Tristanos Denken und Musizieren. Denn der androgyne Jüngling mit den sinnlichen Lippen und der dunklen Lockenpracht liebt die Vielfalt und die Musik in ihrer Gänze, fühlt sich am Mischpult als Club-DJ ebenso zuhause wie am Flügel als klassischer Pianist. Natürlich hat der viersprachige Künstler, dessen Deutsch von einer charmanten französischen Note durchzogen ist, das Tastenhandwerk ganz klassisch studiert, an Konservatorien in Europa und in New York an der Juilliard School, wo er auch eine Masterclass bei der Bach-Legende Rosalyn Tureck absolvierte. Doch eben dort, in den Clubs, entdeckte Tristano auch diese scheinbar ganz andere Musik, lernte den House-DJ Danny Tenaglia kennen und Minimal Techno als Inspiration schätzen.

„Was macht der DJ da eigentlich? Wie funktioniert das Ganze?“, habe er sich immer gefragt. Seine Antwort: „Eine Techno-Produktion ist im Grunde eine Chaconne: Auch dort gibt es einen Grundrhythmus, der immer weiter läuft.“ Nur konsequent also, dass der Bach-Jünger seitdem immer wieder auch mit Technomusikern auftritt wie dem Detroiter Star-DJ Carl Craig oder in Clubs und Lounges selbst auflegt, ein Album wie „bachCage“ schon einmal von einem Dub-Reggae-Spezialisten wie dem Berliner Moritz von Oswald produzieren lässt und sich auch im Konzertsaal nicht scheut, das Spiel am Flügel durch das Spiel mit Laptop und Synthesizer zu ergänzen. Und das keineswegs nur bei seinen eigenen, von Barock bis Jazz inspirierten, meist sehr atmosphärischen Kompositionen. „Es wäre falsch, mich als Interpret zu sehen und das Komponieren als Ergänzung: Vor allem die Klavierkomponisten waren ja oft zugleich auch Pianisten wie etwa Liszt, Chopin, Schumann oder Rachmaninow. Doch seitdem das Grammophon erfunden wurde, geht es vor allem darum, Musik einzuspielen, und die Interpreten haben keine Zeit mehr zu komponieren.“

Nein, Tristano bestückt auch den Flügel schon einmal mit einem Haufen Mikrofone, um am Klang zu feilen. Das Ergebnis: ein sehr klarer und präziser Bach-Sound, dem der Technik-Liebhaber gern noch einen dezenten Hall verpasst und den einen oder anderen Ton verzerrt. „Die Frage ist doch: Gehe ich ins Konzert mit einer ganz bestimmten Erwartung und möchte ich hören, was ich schon kenne und dann auch beurteilen kann – oder gehe ich ins Konzert und will etwas Neues entdecken, eine neue klangliche Erfahrung machen?“ Und, kleines Wunder des scheinbar stockkonservativen Klassikbetriebs: Nicht nur in den lauten Clubs lauscht das junge Publikum interessiert, es strömt auch in die Konzertsäle und folgt dort, dicht gedrängt mit der Silberhaar-Fraktion, gespannt den Saitensprüngen über die Genregrenzen.

Bildungsurlaub an der Orgel

Was dem Künstler wiederum erlaubt, selbst fast Vergessene der Klaviergeschichte wie Dietrich Buxtehude mitzunehmen im aktuellen Programm und auf seinem jüngsten Album: „Nehme ich Beethoven auf, kämpfe ich gegen 30 schon existierende Aufnahmen – Buxtehude am Klavier ist hingegen ein Neustart. Und schlage ich dann noch den historischen Bogen zu Bach“ – letzterer weilte 1705/06 für einen viermonatigen „Bildungsurlaub“ bei dem Lübecker St. Marien-Organisten – „und kombiniere das mit eigenen Kompositionen, ist das wieder interessant für mich: Denn dann kann ich auch mit der Alten Musik etwas aus meiner Zeit transportieren.“

Ambitioniert? Exaltiert? Oder einfach nur ein sehr eigener Kopf? Eine Bach-Bearbeitung für Klavier und Elektronik steht auch in der Berliner Philharmonie am Ende des Programms. Ein Versuch sei das Ganze, sagt der Techno-Pianist: „Ich lade das Publikum ein und hoffe, dass es mir folgt.“ Das Ziel? Der groß gewachsene Schöngeist hält für einen langen Augenblick inne, seine sanften dunklen Augen scheinen sich im Nichts zu verlieren. „Musik hat kein Ziel, ja noch nicht einmal einen Sinn“, antwortet Tristano dann. „Oder wie Cage einmal gesagt hat: Musik ist kein Versuch, Ordnung ins Chaos zu bringen, es geht nur darum, aufzuwachen und zuzuhören und unser Leben zu erleben – das ist der einzige Sinn der Musik.“ Nicht der schlechteste: Denn sollte ihm die Gratwanderung zwischen Club und Konzertsaal gelingen, hat er der Leiche auf jeden Fall wieder einiges an neuen Lebensgeistern verpasst.

Philharmonie Kammermusiksaal. 19.11., 20 Uhr Tel. 01805/57 00 00.