Subventionen

Jeder Sitzplatz hat seinen Preis

Liste der Zuschüsse:J ede Eintrittskarte in der Staatsoper wird mit 250 Euro gefördert, im Friedrichstadtpalast aber nur mit 14 Euro

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. Und kostet Geld, könnte man in Anlehnung an den Ausspruch von Karl Valentin ergänzen. Und weil es das Abgeordnetenhaus im Kulturbereich gern genau wissen will, hat der Hauptausschuss den für Kultur zuständigen Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) um eine Auflistung gebeten. Daraus geht hervor, wie hoch die Zuschüsse pro Besucher bei den geförderten Konzerthäusern, Sprechtheatern und Opern sind – und wie die sich zwischen 2009 und 2011 entwickelt haben. Tendenziell rückläufig, das spricht für die Kultureinrichtungen, aber natürlich gibt es Ausreißer: So bezuschusst das Land jede Karte an der Staatsoper mit knapp 250 Euro.

Ein Wert, der sich populistisch prächtig ausschlachten lässt. Gerade in Zeiten, wo bald wieder Sparpakete geschnürt werden. Aber dass der Zuschuss so hoch ist, hat seine Gründe. Und an denen ist das Land maßgeblich beteiligt. Denn durch den Umzug der Staatsoper, die wegen der Sanierung ihres Stammhauses Unter den Linden seit zwei Jahren im Ausweichquartier Schiller-Theater spielt, sind dem Haus Einnahmen weggebrochen. Das Schiller-Theater verfügt nur über knapp 1000 Plätze, ein Drittel weniger als das Opernhaus Unter den Linden. Dort hatte die Staatsoper eine Auslastung um die 90-Prozent-Marke, jetzt kann sie viel weniger Karten verkaufen. Aber die Kosten sind nicht gesunken, denn nur weil man weniger Plätze zur Verfügung hat, kann man ja nicht einfach auf einen Teil des Orchesters, des Chores oder der Sänger verzichten.

Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Zahlen des letzten Jahres vor dem Umzug: 2009 betrug der Landeszuschuss pro Karte 178 Euro. Das ist natürlich immer noch viel Geld, aber im Vergleich zu 250 Euro deutlich moderater. Bei der Deutschen Oper legte das Land 2011 pro Ticket 164 Euro drauf (2009 waren es noch 171 Euro), bei der Komischen Oper ist der Trend umgekehrt: 207 Euro gab es im vergangenen Jahr pro Karte dazu, 2009 waren es noch 26 Euro weniger. Die Komische Oper hatte unter Intendant Andreas Homoki immer ein Auslastungsproblem, der neue Chef Barrie Kosky, der in diesem Sommer angefangen hat, weiß, dass er mit seinen Inszenierungen ein größeres Publikum ansprechen muss, damit der Zuschuss wieder unter die schmerzhafte 200-Euro-Grenze sinkt.

Das Musical ist ein Geschäft

Generell ist der Opernbetrieb sehr personal- und damit kostenintensiv. So ein Produkt kann sich mit geringer oder gar keiner Unterstützung am Markt nur dort durchsetzen, wo ein entsprechend zahlungskräftiges Publikum lebt wie beispielsweise in Zürich. Dass diese Kunstform in Ländern wie den USA, wo Opernhäuser auf Mäzene angewiesen sind, vom Musical, das mit einem viel kleineren Orchester und generell viel weniger Personal auskommt, verdrängt wurde, hat auch ökonomische Gründe.

Das verdeutlicht ein Blick auf den Friedrichstadtpalast, der ein dem Musical verwandtes Produkt anbietet: die Revue. Dort lag der Zuschuss pro Karte zwischen 2009 und 2011 ziemlich konstant bei 14 Euro. Im Gegensatz dazu hat das landeseigene Theater den Erlös deutlich steigern können: Von 40 auf 46 Euro, ein sattes Plus von 15 Prozent. Vor zehn Jahren wurden die Zuschüsse des Landes drastisch gekürzt, dass sie immer noch maßvoll fließen, liegt auch daran, dass das Revuetheater nicht auf sein legendäres, vielbeiniges Ballett verzichten will (das könnte die Marke sehr beschädigen) und auch nicht auf Produktionen wie die Kinderrevue. Die bringen angesichts der Zielgruppe vergleichsweise wenig Geld ein, tragen aber auch durch die Ausbildung der Kinderdarsteller zur kulturellen Bildung bei.

Die leisten ja alle Kultureinrichtungen, vom Off-Theater bis hin zu den Philharmonikern. Das Orchester konnte seine Kartenerlöse im Dreijahreszeitraum von 40 auf 45 Euro steigern, gleichzeitig sank der Landeszuschuss von 55 auf 49 Euro. An solchen Werte kommt die Konkurrenz nicht heran. Das Konzerthaus steigerte zwar die Ticketerlöse (von 21 auf 22 Euro), aber auch den Zuschussbedarf von 94 auf 96 Euro. Dazwischen rangiert die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH: Die Erlöse stiegen von 21 auf 25 Euro, die Zuwendungen pro verkaufter Karte von 45 auf 60 Euro, da macht sich die von den Gesellschaftern beschlossene Etaterhöhung bemerkbar.

Bei den großen Bühnen verteidigt Claus Peymann seine Spitzenstellung. Der Direktor des Berliner Ensembles (BE) wird ja nicht müde zu betonen, dass er als gelernter Intendant (und Bremer Kaufmannssohn) ein Theater wirtschaftlich erfolgreich leiten kann, auch mit eigenem Ensemble und im Repertoirebetrieb, der allabendlich Umbauten erfordert und damit teurer ist als eine Ensuite-Bespielung: Mit 62 Euro wird jedes Ticket am BE unterstützt, von diesem Wert sind die Kollegen anderer Staatsbühnen weit entfernt. Auf jede verkaufte Karte beim Maxim Gorki Theater legt der Steuerzahler 106 Euro drauf (2010 waren es 114 Euro), bei der Volksbühne 118 (2010: 134) Euro, bei der Schaubühne 123 (2010: 129) und beim Deutschen Theater 127 (2010: 124) Euro. Die Einnahmen pro Karte schwanken bei den Staatstheatern zwischen 11 Euro an der Volksbühne und 17 Euro am Deutschen Theater – in den Durchschnittswert fließen auch günstige Studentenkarten oder 3-Euro-Sozialtickets ein.

Kostengünstiger geht’s meistens ohne eigenes Ensemble, das zeigt ein Blick auf die Zahlen des Renaissance-Theaters. Die Erlöse pro Karte stiegen dort zwischen 2009 und 2011 von 17 auf 20 Euro, der Zuschuss sank im selben Zeitraum von 34 auf 27 Euro. Auch das Hebbel am Ufer (HAU) hat durch mehr Kartenverkäufe den Zuschussbedarf auffällig verringern können: von 100 auf 62 Euro.

Kindertheater ist preiswert

Im Kinder- und Jugendtheater liegen die Einnahmen zielgruppenspezifisch niedrig. Das Theater an der Parkaue, eine staatliche Bühne, konnte die zwischen 209 und 2011 von fünf auf sechs Euro steigern, der Zuschuss pro Karte sank von 71 auf 60 Euro. Beim Grips, ein staatlich unterstütztes Privattheater mit ziemlich schlanken Strukturen, liegt der Zuschuss pro Karte stabil bei 38 Euro, die Erlöse pendeln um 8,50 Euro.

Aber diese Art der Umverteilung beschränkt sich ja nicht auf die Kultur. Für Polizeieinsätze bei Fußballspielen von Hertha oder Union zahlen auch Nicht-Fußballinteressierte mit ihren Steuern. Und der jährliche Zuschuss des Landes an die BVG ist mit knapp 300 Millionen Euro fast so hoch wie der gesamte Kulturetat der Hauptstadt. Fahrrad- und Autofahrer finanzieren die BVG trotzdem mit. Abgesehen vom heimischen Publikum profitiert gerade auch der Tourismus vom hochkarätigen Kulturangebot. Wesentliche Gründe für Berlin-Besuche liegen im kulturellen Bereich, zeigen Umfragen. Durch den Tourismus kommt viel Geld in die Stadt, die Steuereinnahmen liegen um ein Vielfaches über den Ausgaben für Kultur. Das Geld in diesem Bereich ist gut investiert, auch wenn Einzelfälle für Aufregung sorgen.