Klassikkritik

Anna Netrebko singt eine blinde Prinzessin

Die Sopranistin schenkt der Jolanthe viel Empfindsamkeit

Tschaikowskys „Jolanthe“ gehört zu den Stücken, wie man sie im Nachlass bedeutender Komponisten findet. Der Einakter kam ein Jahr vor Tschaikowskys Tod heraus und gewann sich keine größere Aufmerksamkeit. Er fraß sich im internationalen Repertoire nicht fest, obwohl es Gustav Mahler war, der die deutschsprachigen Premieren in Hamburg und Wien geleitet hatte. Die Oper warf keinen nachhaltigen Glanz. Den hatte nun Anna Netrebko in der Titelpartie beizusteuern. Sie hatte sich die Rolle ausgesucht und dies ganz zu Recht, obwohl sie nach den Einleitungsensembles für gute 40 Minuten in den Kulissen verschwindet und auf ihre Rückkehr bitter warten lässt. Ein bisschen Langeweile hat Tschaikowsky seinem Werk fahrlässig einkomponiert. Eine Oper, die aus einem schier endlosen Warten auf die Primadonna besteht, trägt eine schwere Last.

Aber dann, wenn Netrebko quer durch das Publikum in reich geschnittener rosafarbener Seide wieder auf die Bühne niedersteigt, fühlt man sich urplötzlich beschenkt vom Glanz und der Empfindsamkeit ihrer gloriosen Stimme. Sie besitzt Größe, Kraft, sie weiß zu fesseln und sich bewundern zu lassen. Sie ist auf die natürlichste Art ursympathisch. Kein Wunder, dass sich die ergebenen Ohren zu ihr drängen. Später werden die versammelten Zuhörermünder mit ihren Bravorufen das Gleiche tun.

Es geschieht nicht viel in „Jolanthe“. Das Stück ist von vornherein auf einer Katastrophe gebaut: Die entzückende Jolanthe, wohlbehütete, bezaubernde Königstochter, ist blind. Das Schlimmste aber: Sie weiß es nicht. Man hat sie auf königliche Weise umsorgt, sie im Hofgarten unter Verschluss gehalten. Erst als die liebesabenteuernden Aufklärer in den behüteten Garten eindringen, stürzt die Aufklärung auf Jolanthe nieder. Nichts da von Singstatisterie rund um die Diva. Am machtvollsten lässt Vassily Savenko seinen Bassbariton auftönen, auch Vitalij Kowaljow zeigt einen wahrhaft königlichen Bass, wie es sich auch für René, den König, gehört. Doch auch mit ihrem Liebhaber Sergey Skorokhodov, einem feinen Tenor, hat Netrebko Glück.

Die Slowenische Philharmonie und ihr Kammerchor stehen der Netrebko durchaus angemessen zur Seite, die Leitung des Ganzen hat der aufmerksame Emmanuel Villaume, der aus seinen Musikern alles herausholt was sie zu geben haben: mehr Sorgfalt als Brio.