Konzertkritik

Grönemeyer mal nicht im Stadion, sondern fast intim

Die „Setlist“ ist der Fluch jedes Musikers. Es ist die Liste jener Songs, die das Programm seines Konzertes festlegt.

Und je mehr Hits ein Sänger hat, desto mehr Konzessionen muss er machen. Schließlich will das Publikum die großen Erfolge live erleben. Da bleibt manch ein Lied, das er zu gern noch gespielt hätte, außen vor. Herbert Grönemeyer, der stadionerprobte Rocksänger, leistet sich nun mit seiner Herbsttournee einen doppelten Luxus. Nicht in großen Mehrzweckarenen tritt er auf, sondern in für seine Verhältnisse kleinen Clubs. Und er widmet sich seinen Lieblingsliedern. Was er schon immer mal wieder auf der Bühne spielen wollte. Also keine „Männer“ und keine „Flugzeuge im Bauch“.

„Und ,Currywurst‘ gibt’s heute auch nicht“, ruft Grönemeyer am Mittwochabend gleich zu Beginn in der seit Wochen ausverkauften Columbiahalle. Dennoch sind jede Menge Lieder dabei, die die Herzen höher schlagen lassen. Und die Besucher erleben quasi hautnah einen Grönemeyer in Höchstform. „Blick zurück - 30 Jahre: Halbzeit“ hat der Westfale seine Tournee getauft. 30 Jahre ist er mit seiner Band unterwegs und es dürfte ebenso lang her sein, dass er in Läden wie der Columbiahalle aufgetreten ist. Zumindest ist es trockener als im Mai dieses Jahres, als er mit seiner „Schiffsverkehr“-Tour in der Waldbühne gastierte.

Keine Videowände, keine üppigen Aufbauten. Ein paar schummerige Stehlampen dominieren das Bühnenbild Als Grönemeyer zum Eröffnungsstück „Fisch im Netz“ die Bühne entert, ist in der Halle kein Halten mehr. „Seine Bandkumpane rocken, was das Zeug hält. Und der gnadenlose Verführer hat seine Fans ganz nah bei sich. Hastet über die Bühne, hämmert mit dem Schellenring den Takt, jauchzt, als hätte er gerade den Hauptgewinn der Tombola gezogen.

Schnell ist klar, dass dies kein üblicher Rockkonzertabend wird. Grönemeyer pflegt die alte Entertainerschule. Er sagt jeden Song an, erzählt Anekdoten zur Entstehung, flachst und albert“. Greift tief in die Kiste und kramt „Deine Liebe klebt“ vom 84er-Duchbruchsalbum „4630 Bochum“ hervor.

Ein Superstar zum Anfassen. Dieser Abend macht süchtig, bewegt und euphorisiert. Die Luft ist zum Schneiden dick und die Begeisterung grenzenlos. Grönemeyer ist hemmungslos unter Strom. Er trippelt, tobt und tanzt von einer Bühnenseite zur anderen, er bellt und keucht und röhrt ins Mikrofon, er scheint die Energie formlich aufzusaugen, die ihm aus dem Publikum entgegenbrandet. Er hat sichtlich Spaß daran, die alten Lieder endlich einmal wieder live zu spielen. Am Ende ist das aufgeheizte Publikum mindestens genau so glücklich geschafft wie die Musiker. Und zieht emotionsgestärkt in die eisige Berliner Nacht.