Zum Teufel mit den Tabus

Die etwas andere Sittengeschichte von Bombay: Kiran Nagarkas Roman „Die Statisten“

Indien hat viele große Erzähler, Kiran Nagarkar ist der einzige Moslem unter ihnen. Sein Bombay-Roman „Die Statisten“ bricht eine Lanze für die überfällige Befreiung einer prüden Stadt. Es gibt viele Arten, Bombay - Metropole, Megapolis, Moloch - zu beschreiben. Salman Rushdie ("Mitternachtskinder") verwandelt die sprachliche, religiöse und kulturelle Vielfalt in eine hybride, überbordende Form, Rohinton Mistry („Das Gleichgewicht der Welt“) malt in der realistischen Tradition von Dickens ein minutiöses Panorama, Suketu Mehta („Bombay. Maximum City“) bedient sich der literarischen Reportage, um die Eingeweide der Stadt zu erkunden.

So gelungen eine jede dieser Anverwandlungen auch sein mag, unter den literaturkundigen Einwohnern Bombays ist es geradezu eine Frage der Ehre, bei jeder Neuerscheinung die Nase ein wenig zu rümpfen und zu erklären, auch dieses Buch sei an der übermenschlichen Aufgabe gescheitert, die Stadt des Goldes, erbaut auf fauligem Fisch und dem feindseligen Schicksal abgetrotzt, abzubilden. Denn Bombay, darauf besteht jeder Bewohner in Schüben negativen Lokalpatriotismus, sei zu chaotisch, zu disparat, zu eigenwillig, um zwischen zwei läppischen Buchdeckeln eingefangen zu werden.

In Hassliebe verfallen

Kiran Nagarkar ist sich all dessen bewusst, denn er ist ein Sohn Bombays durch und durch, der Stadt in Hassliebe verfallen und süchtig nach ihren Widersprüchen. In seinem Erstling „Sieben mal sechs ist dreiundvierzig“ entzündet er ein Feuerwerk an idiolektischen Beschwörungen und subkulturellen Verwirrungen, das international leider nicht wahrgenommen wurde. Nagarkar schrieb einige Theaterstücke, die politisch aneckten, bevor er die Sprache wechselte und mehrere Romane auf Englisch publizierte, kluge, gewitzte Burlesken voller Erzähl- und Provokationslust. In seinem jüngsten Werk „Die Statisten“ versucht er sich zum zweiten Mal an einer Liebeserklärung an Bombay, mit einer Ironie, die sich an Realitäten entzündet, die nebeneinander existieren und trotzdem unvereinbar erscheinen.

Der Anfang kommt einem bekannt vor, doch es dauert, bis man begreift, dass man ihn wortwörtlich schon einmal gelesen hat, nämlich als erstes Kapitel des Romans „Ravan und Eddie“ (1986), einer bittersüßen Komödie über zwei Jungs, der eine Hindu, der andere Katholik, die in den sehr beengten Verhältnissen eines typischen Miethauses aufwachsen. Sie teilen sich Balkons und Bäder, wissen mehr voneinander, als ihnen lieb ist, und werden gelegentlich in eine Intimität gezwungen, die alle Abgrenzungen überwindet.

Die Irritation über dieses ausufernde Selbstzitat weicht der Erkenntnis, dass Kiran Nagarkar durch diesen ungewöhnlichen Trick all jenen Lesern den Zugang zu seinem neuen Roman ermöglicht, die „Ravan und Eddie“ nicht kennen. Ein wenig erinnert dies an dieFolge einer Fernsehserie, in der in einem gerafften Vorspann gezeigt wird, „was bisher geschah“. Der fulminante Beginn, gespickt mit jenen diabolischen Überspitzungen, die einen Kiran Nagarkar in Hochform auszeichnen, verkündet ein literarisches Versprechen, das die folgenden 600 Seiten nicht immer einzuhalten vermögen. Ravan und Eddie sind mittlerweile erwachsen geworden, ihre Talente (Singen, Tanzen, Musizieren) ähneln sich so sehr wie ihre Träume (kleine Karriere, nationale Karriere, internationale Karriere).

Sie treten in jedes Fettnäpfchen und befreien sich mit der Eleganz von Lebenskünstlern selbst aus jeder Schwierigkeit. Vergnügt folgt man ihren Eskapaden, einem Reigen dramatischer Episoden (Flüsterkneipe, Mafiabosse, Verführungen), die nur so aus dem überquellenden Füllhorn der Fantasie purzeln. Was Nagarkar von vielen anderen grimmigen Lobpreisern Bombays unterscheidet, ist sein deftiger Zugriff auf die sexuellen Nöte und Sehnsüchte der Stadt, zugedeckt von einer prüden Decke. Gemeinhin wird den fundamentalistischen Tendenzen in den beiden großen Religionen Hinduismus und Islam die Schuld hierfür gegeben, doch der fortwirkende puritanische Einfluss der ehemaligen Kolonialmacht ist nicht zu unterschätzen. Trotz Globalisierung, trotz Internet und Massenmedien ist der offene Umgang mit Sex in Indien auch in den Großstädten weiterhin ein Tabu.

Wenn Ravan als Sänger einer Festkapelle von der Braut in ihr Zimmer gelockt wird und wenn sie ihn in ihrer Hochzeitsnacht entjungfert, während der völlig besoffene Frischvermählte gähnend, rülpsend, schnarchend neben ihnen liegt, und wenn diese Verführerin auch noch den Namen Sita trägt, in Mythos und Alltag synonym mit Tugend und Treue, dann bricht Nagarkar nicht nur eine Lanze für eine längst überfällige sexuelle Befreiung, sondern beschämt auch die meisten seiner Kollegen, die der vorherrschenden Prüderie Tribut zollen.

Kein anderer indischer Autor schreibt Absätze wie diesen: „Er saß rittlings auf Sita, die Jacke offen und die Mütze ein bisschen schief. Er ritt sie, ritt sie über den Rand der Welt hinaus, zerteilte den Himmel, ließ den Raum hinter sich. Sie flüsterte unterdrückte Schreie: Lass meine Musik erklingen! Hör nicht auf! Gib mir alles, was du hast, Ravan! Ist es das Xylophon, was du spielst? Oder die Flöte? Spiel das Horn, Ravan!“

Man spürt das schelmische Vergnügen, das Kiran Nagarkar beim Schreiben beseelt haben muss – er entlockt dem Xylophon der indischen Mythen manch schrägen Ton, denn der Dämonenkönig Ravana, Entführer der reinen Sita, gilt sonst nur den unterdrückten Dalits, den Unberührbaren, als potenter Held. Diese alternative Sittengeschichte des Bombays der 70er Jahre erschöpft sich nicht in derart handfesten, komödiantischen Szenen. Eine fast missglückte Abtreibung im Rotlichtviertel oder der Selbstmord einer nicht ganz jungen Frau, deren Wunsch nach Zärtlichkeit von Eddie rüde abgewiesen wird, verleihen einer vermeintlich plumpen Provokation Tiefgang.

Und als gegen Ende des Romans Eddie von einer berühmten Schauspielerin verführt – besser gesagt: als Frischfleisch missbraucht – wird sich dabei einen Tripper holt und sein geschwollener Penis entgegen seines Bestrebens, die Schande geheim zu halten, von Medizinstudenten begutachtet wird, erkennt man am Ende des Slapsticks einen glühenden ikonoklastischen Impetus, der schon literarische Vorgänger wie Henry Miller angetrieben hat.

Exkurse über die Stadtgeschichte

Leider fügen sich die vielen Geschichten nicht zu einer großen Erzählung über diese einzigartige Stadt, sondern bleiben episodenhaft. Die narrativen Überraschungen erfolgen meist unvermittelt, psychologisch nicht ausgeleuchtete Volten, die einen weiteren, eher zufällig gesetzten Looping ermöglichen. Nagarkar muss diesen Mangel an Dichte und tieferem Sinn gespürt haben, denn er unterbricht seine Achterbahnfahrt gelegentlich, um die Leser in Exkursen über Aspekte der Stadtgeschichte aufzuklären, etwa über schwarzgelbe Taxis oder multikulturellen Blaskapellen. Das ist teils amüsant, teils informativ, fügt sich aber nicht richtig ins Ganze - etwa so, als würde eine dramatische TV-Serie von einigen dokumentarischen Minuten unterbrochen.

„Die Statisten“ erleben, wie könnte es anders sein, ein Happy End - schließlich ist die Filmwelt Bombays, das weltberühmte Bollywood, von Anfang an sowohl Sehnsuchtsort als auch Leitmotiv. Ravan und Eddie, Nachbarn und widerwillige Freunde, der eine Taxifahrer, der andere Automechaniker, schaffen den eigentlich unmöglichen Sprung vom Komparsen zum Künstler. Doch der Roman selbst, wie alle anderen dieses Autors kompetent und anschmiegsam übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini, wird all die Unkenrufer in ihrem Zweifel bestätigen, ob es überhaupt möglich ist, Bombay literarisch gerecht zu werden.

Kiran Nagakar: Die Statisten. Aus dem Englischen von Ditte und Giovanni Bandini. A1, 633 Seiten, 28 Euro.