Plädoyer

Warum Dieter Bohlen für die Popwelt noch nicht verloren ist

„Auch geliehene Gefühle“, meint Hartmut Fladt, „erzeugen echte Tränen“. Recht hat er. Egal ob „im Kino oder in der Operette oder im Casting mit Paul Potts“: Kunst ist allerheiligster Hokuspokus. Wer Erfolg hat, muss etwas richtig gemacht haben. Und zwar gleichgültig auf welchem Niveau und für wie viele Tage, Monate oder Jahrhunderte. Tränen lügen nicht. Oder?

Als „unser Musikprofessor“ analysiert Hartmut Fladt allwöchentlich Phänomene der Pop-Musik auf „Radio Eins“. In Berlin hat er es so zu einem gewissen Kult-Status gebracht. Hier lehrt er seit 1981 auch an der Universität der Künste. Guter Mann. Seiner Wuschelfrisur sieht man die 66 Jahre seines Trägers nicht an. Im Jahr 2010 überführte er den Rapper Bushido erfolgreich des Plagiats. Elf CDs und Sampler Bushidos mussten daraufhin aus dem Handel gezogen werden.

Unsystematisch, aber analysenschwer handelt Fladt in „Der Musikversteher“ von Ohrwürmern, Rhythmus-Klatschern, Retrofuturismus und der Dummheit in der Musik. In dieser ‚Kritik der verpopten Vernunft’ versucht er die Grenzen zur Klassik wieder zu öffnen, die von der Pop-Kultur jahrelang verschlossen wurden. Dass Musik eine Sprache ist, die jeder versteht, hält Fladt dagegen für einen stupiden, kitschigen Unsinn. Auch darin hat er Recht. „Es hört jeder nur, was er versteht“, zitiert er Goethe. Jede Musikbegeisterung beruht auf vorverstandenen Regeln und Konventionen. Alle Musik ist kodiert. Um eine Decodierung musikalischer Alltagsdinge und Strukturen kreist daher sein Buch. Von Monteverdi bis Bata Ilic, von Wagner zu Björk spannt er einen ebenso dichten wie detailreichen Bogen.

Vielleicht hätten ein Paar Beatles-Analysen und Fachtermini weniger der Sache gutgetan. Doch hier versucht jemand, Klarheit zu verbreiten. Man liest gern, dass Head-Banging unter Heavy Metal-Fans nur eine härtere Form des Schunkels darstellt. Und dass Caterina Valentes „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini“ fürs Unterbewusste „tragfähiger“ ist als „Pli selon pli“ von Pierre Boulez. Da sich die Machtverhältnisse zwischen E- und U-Musik heute längst umgekehrt haben zugunsten der Pop-Kultur, plädiert Fladt dafür, dass wir in Wirklichkeit alle – E wie U – unter einer Decke stecken. Musikalisch nämlich. Sein Slogan: „Noch ist Bohlen nicht verloren“ verrät, dass auch er, wie so viele in die Jahre kommende Pop-Kulturisten, ihr Vertrauen in den Pop verloren haben. Und wieder Zukunft in der Klassik sehen.

Hartmut Fladt: Der Musikversteher. Was wir fühlen, wenn wir hören. Aufbau Verlag 2012, 329 Seiten, 19,99 Euro.