Thomas Quasthoff

„Ich bin so eine Rampensau“

Thomas Quasthoff entdeckt jetzt die Theaterbühne für sich. Ein Gespräch über das frühere Sängerleben und künftige Pläne

Eigentlich hatte der gefeierte Bassbariton im Januar seinen Rücktritt aus dem Klassikbetrieb erklärt. Inzwischen ist Thomas Quasthoff an verschiedensten Orten in der Stadt anzutreffen, ob als Gastgeber der „Nachtgespräche“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt oder als Schauspieler in der Shakespeare-Premiere am 24. November im Berliner Ensemble. Unbeirrt unterrichtet er als Gesangsprofessor an der „Hanns Eisler“-Musikhochschule. Volker Blech sprach mit einem Künstler voller Pläne und Energie.

Berliner Morgenpost:

Herr Quasthoff, Sie sind ja kaum zu erreichen: weil Sie so beschäftigt sind?

Thomas Quasthoff:

Ich spiele jetzt Theater in „Was ihr wollt“ am Berliner Ensemble, und wir proben wirklich jeden Tag. Ich weiß nie, wie mein Probenplan am nächsten Tag aussehen wird. Diese Spontanität finde ich aber auch ganz spannend, weil es ganz neu in meinem Leben ist. Das Theater macht Spaß, ist eine Wonne für mich. Zumal mit einer Regisseurin wie Katharina Thalbach – schöner kann ich mir das Erarbeiten von Theater nicht vorstellen. Es ist geprägt von viel Liebe zum Text, zum Spiel, voller Intelligenz und Humor.

Gibt es für Sie als Sänger in der Theaterarbeit einen Aha-Effekt?

Wir wollen mal ehrlich sein. So wahnsinnig unterschiedlich ist es ja gar nicht. Wenn sie heute einen Liederabend geben in dem Qualitätsanspruch, den ich selber habe, dann ist das im Grunde genommen ein Theaterspielen. Ein Sänger muss die Dinge, die er im Liederabend beschreibt, in dem Augenblick auch leben. Wenn nicht, dann ist er nur ein netter Liedersänger. Ich habe von Natur aus ein Gen mitgekommen: Mich kann man auf die Bühne stellen und ich werde das Publikum anderthalb Stunden lang unterhalten ohne Manuskript. Ich bin so eine Rampensau.

Haben Sie überhaupt keine Wehmut nach der Konzertbühne?

Nein. Ich habe vor fast genau zwei Jahren meinen Bruder mit Lungenkrebs verloren. Wir standen uns sehr nahe. Nach seinem Tod habe ich ein Dreivierteljahr lang meine Stimme verloren. Ich stand unter Schock. Die Stimme kam wieder, aber ich sagte mir, wenn ich selber nicht das Gefühl habe, bei hundert Prozent zu sein, dann muss ich aufhören. Da kann jeder im Publikum sagen, das klingt doch großartig, ich würde mich nie mit 98 Prozent zufrieden geben. Dazu kam: Ich habe das Singen 40 Jahre lang auf einem schwerbehinderten Körper getragen. Der Schritt ist mir nicht schwer gefallen. Es gab ein einziges Konzert, wo ich nach Bekanntgabe meines Rücktrittes saß und meine Probleme damit hatte. Meine Frau war gerade in Weimar, wir hörten Mahlers „Lied von der Erde“. Das ist mir ein Leib-, Seelen- und Magenstück. Es war nicht besonders gut musiziert. Aber mir kullerten mitten im Konzert die Tränen herunter, weil ich in dem Moment wusste, das singe ich nie wieder. Aber ich schwöre, das war der einzige Moment. Jetzt habe ich mehr Zeit für meine Familie und für neue Projekte. Ich habe mir ein Hans-Dieter-Hüsch-Programm zurecht gelegt.

Also künftig mehr Heiteres?

Das würde ich über seine Texte generell nicht so sagen.

Der Kabarettist hatte schon viel Sonne im Herzen.

Das entspricht ja auch meinem Charakter. Ich war nie ein Berufspessimist. Ich will auch neue Dinge ausprobieren. Und da ich als klassischer Künstler diesen Namen habe, bekomme ich Angebote – zum Beispiel von der Bar jeder Vernunft, dort mehrere Hüsch-Abende zu machen. Ich leide nicht unter Arbeitsmangel. Für April habe ich eine Einladung bekommen und mache eine Kinderoper von Benjamin Britten, wo eine Sprechrolle drin ist, mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern.

Wenn Karrieren enden, stellt sich meist schnell heraus, wer wirklich ein guter Freund war. Wer ist Ihnen den treu geblieben?

Meine Frau, hoffe ich. Was soll ich sonst sagen? Ich hatte gerade meinen 53. Geburtstag. Nach der Probe fand ich gut 50 Mails vor. Ich habe wirklich enge Freunde, die, was gute Freunde auszeichnet, immer alles mittragen. Max Raabe gehört zum Beispiel zu meinen sehr engen Freunden. Aber das Allerwichtigste ist für mich wirklich meine Familie.

Welche Erfahrungen geben Sie heute an Ihre Gesangsstudenten weiter?

Dass es ein schwerer Beruf ist. Dass man immer 110 Prozent geben muss, egal, ob im Konzert oder in der Probe. Dass man Geduld, Demut und auch Glück haben muss. Dass man sich diesem Beruf mit Leib und Seele verschreiben muss. Ansonsten sollte man sich besser nach einer Festanstellung umsehen.

Wie viele Ihrer Schüler erfüllen diesen Anspruch?

In meiner Klasse alle, ja. Aber stopp: Ich rede nicht von Weltkarriere. Ich rede davon, dass man von diesem Beruf leben kann. Zu einer Weltkarriere gehören andere Faktoren. Da braucht es mehr, als nur von einer Muse geknutscht zu werden. Wenn ich 1988 den ARD-Wettbewerb nicht gewonnen hätte, dann hätte meine Karriere anders ausgesehen. Es gehört auch schon eine Portion Glück dazu. Ich hatte Können und Glück. Ich glaube, dass ist auch ein Grund, warum ich rechtzeitig wieder aufgehört habe. Ich liebe diesen Beruf einfach zu sehr. Ich wollte niemals erleben, dass meine Frau, noch unsere Tochter in einem Konzert sitzen und jemand neben ihnen sagt, den hättest du mal vor drei Jahren hören sollen. Das wollte ich nicht. Deshalb habe ich so aufgehört, dass die Leute gesagt haben, was für ein Jammer.

Sie haben seinerzeit Ihren Rücktritt auch mit gesundheitlichen Problemen, drei Stents in der Herzarterie, begründet. Wie geht es Ihnen heute?

Die habe ich jetzt immer noch und mir geht es prima. Mir geht es wunderbar. Ich bin in Kontrolle. Ich lebe auch nicht in einer Art und Weise, dass ich alle drei Tage sturztrunken gesehen werde. Ich lebe schon relativ solide. Das Sterben und der Tod liegt auch nicht in eigener Hand.

Am Donnerstag führen Sie mit der Berliner Choreographin Sasha Waltz eines Ihrer „Nachtgespräche“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Was muss ein Gast haben, damit Sie mit ihm reden?

Können, Ausstrahlung, Visionen, eine Menschenfreundlichkeit. Ich verehre Sasha Waltz auch sehr.

Und wenn würden Sie nie einladen wollen?

Ich würde niemanden von der FDP oder CSU einladen.

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