Literatur

Farbe im grauen Menschenmeer

Er erfand sich eine Kindheit, die er nie hatte: Die vergnüglichen Träume des großen französischen Zeichners Sempé

Die Kindheit ist für mich eine Sempé-Zeichnung. Ein paar wenige Striche, scheinbar schnell hingetuscht, c-förmige Nasen, Knopfaugen, oft ganz schlichte, manchmal aber auch nachkolorierte Bilder. Das erste Mal mit Sempé, das war, natürlich, „Der kleine Nick“. Diese wunderbaren Geschichten um einen kleinen Schüler und seine Klassenkameraden, um die Eltern, die sich immer stritten, ob sie in die Berge oder ans Meer reisen sollten. Der Nick, das war ja irgendwie auch mein Kamerad, ich drückte ja mit ihm die Schulbank. Jetzt kehrt die Kindheit zurück: Der Diogenes-Verlag nämlich hat einen riesenformatigen Bildband herausgebracht. Mit zwei Worten. Sempé. Kindheiten. Darin sind alle möglichen Zeichnungen und Cartoons vereint, die der Mann über Jahrzehnte über Kinder angefertigt hat – jenseits vom p’tit Nicolas.

Wieder sitze ich mit glänzenden Augen davor. Eines der schönsten Bilder, das seine und meine Ansicht von der Jugend auf den Punkt bringt, findet sich gleich auf Seite 20. Eine Großstadt in Grau, mit Männern, die mit gebeugtem Rücken und Aktentasche zur Arbeit gehen, Frauen, die Einkaufskörbe rollen. Alles grau in grau, alles mit stumpfem Blick. Aber in der Mitte 15 Jungs, die quietschvergnügt Hockey spielen, und das in knalligem Gelb, Rot und einem Schuss Grün und Blau. Richtige Farbkleckse, die aus der Mitte herausspringen.

Oder dieses Bild: Ein kleiner Junge hockt auf einem Schaukelpferd und blickt nach draußen, auf ein riesiges Reiterstandbild. Oder das: Ein Junge (mit Brille, also ein Adalbert) übt Geigespielen vorm Notenständer, hat aber ein Fußballtrikot an. Keine Frage, was er lieber täte.

Und dann das. Zwischen all diesen herrlichen Zeichnungen findet sich ein sehr langes Interview mit diesem Mann, der Sempé heißt und vor zwei Monaten 80 wurde. Ein Interview, das sich um seine eigene Kindheit dreht. Und siehe da: Es war keine schöne Kindheit. Jean-Jacques Sempé war ein uneheliches Kind, was in den dreißiger Jahren noch ein echtes Stigma war. Sein Stiefvater war ein Handlungsreisender, der nicht sehr erfolgreich war und das abends in der Kneipe zu vergessen suchte. Seine Eltern haben sich deshalb immerzu gestritten. Die ganze Nachbarschaft hat das mit angehört, und der kleine Jean-Jacques hat oft das Radio aufgedreht, um es nicht hören zu müssen, und hat sich kräftig geschämt. Seine Kindheit, so Sempé, „bestand immer nur aus Prügelei, Streit, Schulden und überhasteten Umzügen.“ Das Zeichnen, schon früh begonnen, sah er selbst als „eine Art Therapie“. Als er anfing, „Wollte ich glückliche Menschen zeichnen.“ Genau so wie er jetzt, seit er nicht mehr gut zu Fuß ist, gerne Leute zeichne, die springen und hoppsen.

Seine Eltern hatten einmal kurz einen Lebensmittelladen. Es hat, wie so vieles, nicht lang gehalten. Aber als ein Freund von ihm zufällig ein altes Foto von dem Laden sah, wies er Sempé daraufhin: „Weißt du eigentlich, dass all deine Zeichnungen darin enthalten sind?“ Er sagte das so dahin, aber Sempé fiel es „wie Schuppen von den Augen“. Meine Kindheit ist nicht die des Monsieur Sempé, es ist immer eine Sehnsuchtsfantasie gewesen. Aber wahrscheinlich wirkt sie gerade deshalb bis heute nach.

Sempé: Kindheiten. Diogenes, 272 Seiten, 39,90 Euro.