Kunstkolumne

Von der Heidestraße Richtung Kreuzberg

| Lesedauer: 4 Minuten

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma, meine Freundin, träumt mal wieder. Vielleicht treffen wir ja Brad Pitt, murmelt sie. Wir wollen in die Heidestraße, mal sehen, wie sich der Kunst Campus mit den Galerien dort macht. Die Graft Architects, mit denen der US-Schauspieler einige Projekte entwickelte, haben in den alten Industriehallen Nummer 46-52 ihr Domizil, ebenso wie die bekannten Museumsplaner Kuehn & Malvezzi und das internationale Produktstudio Aisslinger. Und Darklands ist mittendrin, ein Guerilla-Modelabel, so cool wie rabenschwarze Kohle. Sieben Galerien zählen wir, aber die Fluktuation ist da. Haunch of Venison, Nolan Judin, alle weg. Es regnet, die Gegend ist ohnehin schrecklich trostlos. Bagger lärmen, Bauschutt, ausrangierte Gleisanlagen, Stau. Gefühlt im Niemandsland, dennoch zentral gelegen, zwei Minuten nur bis zum Hauptbahnhof. In einigen Jahren wird hier ein völlig neuer Stadtteil entstanden sein.

„Die offene Situation ist doch typisch für Berlin“, findet Karin Barth von Tanas. Der Projektraum von René Block ist eine wichtige Plattform für zeitgenössische Kunst aus der Türkei. Der Blick aus den Fenstern geht in Richtung Osten, just dorthin, wo die Mauer war, Richtung Wedding zur anderen Seite, gerade recht also um türkische Kunst zu zeigen, findet Barth. Der nah gelegene Hamburger Bahnhof würde Besucher aus der Nachbarschaft „anspülen“, andere kämen direkt mit dem Rollköfferchen vom Zug für ein Stopover. Okay, die Baustellen rundum seien nicht lustig, „aber Kunst ist doch auch ständig im Umbruch, und braucht kein designtes Ambiente“, so Barth.

Genau wie Halil Altindere, Schlüsselfigur der türkischen Szene, Teilnehmer der Documenta 2007 und der Gruppenschau „Istanbul Next Wave“ 2009 in Berlin. Bei Tanas hat er seine erste Soloschau. In „Infinity has no accent“ springt der Kurde munter von einem Medium zum anderen: Foto, Video, Gemälde und verdammt lebensechte Wachspuppen, die den Besucher irritieren. Überall Pistolen, die gezückt werden. Bei Altindere geht es nur auf den ersten Blick um Macht und Gewalt, als Jahrgang 1971 gehört er zu jener Generation junger Türken, die sich mit Fragen zur Herkunft und Heimat befassen. Wie türkisch ist türkische Kunst heute? Wenn es sein muss, legt er sich schon mal mit der Polizei an. Er geht nicht gerade schonend um mit heiligen Staatssymbolen, scheut sich nicht vor Angriffen aufs Türkentum, wenn es etwa um Diskriminierung von Minderheiten geht. Sein wunderbares Video „Miss Turkey“ bringt das auf den Punkt. Die schöne Miss radelt durch eine der bekannten Einkaufsmeilen der Stadt am Bosporus. Der ganz normale Shopping-Wahnsinn, liefen die Leute nicht plötzlich alle rückwärts, wobei ein maskierter Mann mit der Knarre eine ankommende Tram bedroht. Ironischer Kommentar auf eine Gesellschaft, die ihre Balance nicht gefunden hat. (Heidestr. 46-520, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 24. 11.)

Unseren Rundgang beenden wir bei fruehsorge, spezialisiert auf Zeichnungen der Gegenwart. Kein leichter Job, das Medium wird nicht von allen ernst genommen, für viele ist es einfach nur Studie oder Skizze. Matthias Beckmanns „Berliner Ateliers“ sind ein zeichnerischer Clou: 88 Künstler hat er im intim-kreativen Refugium besucht, darunter John Bock und Anselm Reyle. Und das Interieur mit zartem Strich dokumentiert. Welche Logistik! Zwei Jahre hat er gebraucht. Jeweils einen Tag verbrachte er bei den Kollegen, drei Blätter pro Künstler. Eine tolle Momentaufnahme der Berliner Szene.

Die Heidestraße will Galerist Jan-Philipp Fruehsorge im Frühling „Richtung Kreuzberg“ verlassen. Die Karawane zieht weiter, sagt er. Galerien leben von Synergieeffekten, von Nachbarschaften. Auch Friedrich Loock mit seiner Galerie, der Halle am Wasser, will weg. Zuviel Baustelle, nix für Kunden, schon gar nicht für Brad Pitt. (Heidestrasse 46-52, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 1. 12.)