Klassik-Kritik

Rattle interpretiert Stravinskys „Sacre“ radikal neu

Zweimal Russland, allerdings auf widersprüchlichste Art.

Sir Simon Rattle kombinierte in seinem jüngsten philharmonischen Konzert Werke von Rachmaninow und Strawinsky, die zu Lebzeiten als Menschen nicht zu einander passten. Außerdem bescherte er Strawinskys „Sacre“ eine Neudeutung von bislang unbekannter bitterer Energie. Er pflasterte das Werk mit orchestralen Exzessen, ließ selbst die Bratschen die Pauke schlagen. Er spürte dem Neuen nach, dem noch nie Gehörten, einem „Sacre du printemps“ von 2013, also um 100 Jahre verjüngt. Mehr als Bewunderung erntete die radikale Neudeutung Verwunderung wie Furcht, ging Rattle durch schiere Übertreibung mancher Akzente doch an die Grenze der Gnadenlosigkeit.

Dabei hatte er, den prachtvollen, von Simon Halsey geleiteten Rundfunkchor zur Seite, das Konzert mit geradezu verschwenderischer, wenn auch gleichgültiger Schönheit begonnen. Er ließ 40 geschlagene Minuten lang das vierteilige symphonische Poem „ Die Glocken“ von Rachmaninow spielen, das ungefähr gleichzeitig mit dem „Sacre“ Strawinskys entstanden war, aber einem früheren Jahrhundert anzugehören schien. Rachmaninows „Glocken“ läuteten jedenfalls mit ihrer braven Herkömmlichkeit alles andere als Zukunft herauf. Der spitzzüngige Strawinsky hätte sie wahrscheinlich gern unter das Genre „Filmmusik“ eingereiht, obwohl der Film damals ja dankenswerterweise noch stumm war. Die drei Solisten waren es glücklicherweise nicht. Dmytro Popov ließ einen machtvollen lyrischen Tenor hören, Mikhail Petrenko seinen stattlichen Bass. Nur die einstigen Bewunderer von Luba Orgonásová, der Sopranistin von Rang, sahen sich ein wenig enttäuscht nach den annähernd zweieinhalb Jahrzehnten ihres glorreichen Singens.

Die Herren des Rundfunkchors machten die kleine Enttäuschung im Handumdrehen wieder wett. Sie sangen eine sechsminütige Mini-Kantate von Strawinsky auf ein Gedicht von Konstantin Balmont, der auch schon die Texte für Rachmaninows „Glocken“ geliefert hatte. Russlands Musik- und Literaturgeschichte sahen sich unversehens an ein und demselben Abend vereint. „Die Glocken“ hatten in ihren vier ausführlichen Sätzen Geburt, Hochzeit, Katastrophe und Tod herbeigeläutet. Balmont hatte aber auch schon die Anregung zu Strawinskys „Feuervogel“ geliefert. Auch die Mini-Kantate des „Sternenkönig“ gab sich nachdrücklich und eindrucksvoll mystisch. Kein Wunder also, dass Strawinsky für dies kleine Stück die Arbeit am „Sacre“ kurzfristig unterbrach. Es lässt allerdings mit keinem Takt auf die kommende fanatische Grandeur des „Sacre“ schließen, seine Gnadenlosigkeit, seine Besessenheit, seine Herausforderungen, sie alle von Rattle und seinem phänomenalen Orchester aufs Eindrucksvollste herausgestellt und herausgegellt. „Le Sacre du printemps“ erklang hundert Jahre nach der Uraufführung wie neugeboren.