Autobiografie

Von Männern und Mäusen

Pete Townshend hat seine Erinnerungen geschrieben. Ohne ihn hätten The Who nie Arenen gefüllt

Niemand unter 50 im Team der amerikanischen Frühstücks-Politshow „Morning Joe“ hätte in dem fast kahlköpfigen, graubärtigen, leise ironischen Briten mit der langen Nase, der dort vor Kurzem zum Interview erschien, einen steinreichen Rockstar erkannt. Pete Townshend, der einst für kunstvoll zertrümmerte Gitarren, verwüstete Hotelzimmer und die Powerakkorde der „lautesten Rockband der Erde“ gebürgt hat. Townshend hat mit 67 Jahren das Gebaren eines müden Aristokraten, der nur noch bei Feuer seine Bibliothek verlässt. Seine Meinung, warum junge Männer dem Rock‘n’Roll verfielen, ist denn auch entsprechend exzentrisch: „Nach den Atombomben fiel Krieg aus, um sich seine Männlichkeit zu beweisen und seinen Zorn auszuleben.“

Townshend hat immer viel geredet, über sich und die Welt, er hat sich auch oft um Kopf und Kragen geredet. Nun ist es die Pflicht des Alten, für seine Autobiografie „Who I Am“ zu werben. Man hat nie Geld und Ruhm genug. Vor allem, wenn einer auf die 70 zugeht und in „My Generation“ fahrlässigerweise hoffte, zu sterben, bevor man alt wird. Am ehrlichen Streben, sich nach allen Regeln der Sucht mit Cognac, Kokain, Uppers und Downers ins Grab zu bringen, hat es Townshend über Jahrzehnte nicht gebrochen. Es ist staunenswert, dass er nicht wie der leibhaftige Schnitter des Rock 'n' Roll, Keith Richards, aussieht. Oder wie Eric Clapton, der durch den Suff vorzeitig in die Breite ging. Allerdings auch nicht so provozierend gesund und frisch wie Paul McCartney. Die drei nennt Pete Townshend seine Freunde; den androgynen Mick Jagger verehrte er auf andere Weise. Er stellt ihn im Buch vor als „den einzigen Mann, den ich je ernsthaft vögeln wollte“.

Hassliebe zu Roger Daltry

Roger Daltrey, das männlich-schöne Gesicht der Who und der Macho-Leadsänger der Band, begehrte Pete Townshend nie. Der Mann, den man den Kopf der Gruppe nennen könnte, war nicht einmal sein Freund. Wie es scheint, auch aus Klassendünkel: Daltrey brach die Schule ab, beherrschte als Streetfighter sein Viertel und malochte in einer Stahlfabrik. Townshends Eltern dagegen waren Tanzmusiker, Sängerin und Klarinettist, Pete besuchte eine Kunstakademie. Die Klientel von The Who waren zornige Kerle in der britischen Working Class. Roger Daltrey musste niemandem beweisen, wohin er gehörte, er war stark, lebenshungrig und zufrieden als Interpret, der kaum einen Song für The Who verfasste. Dass der schöngeistige, intelligente, zu Neurose und Depression neigende Townshend die wütenden Songs – Musik wie Texte – schreiben konnte, und dass Daltrey ihnen ohne Eifersucht seine mächtige Stimme leihen konnte, gab The Who ihre kreative Reibung und Langlebigkeit.

Pete Townshend war nie ein glänzender Solist wie Eric Clapton. Erst recht nicht wie Jimi Hendrix, den er über die Maßen bewunderte und fürchtete. Aus seiner Not schuf Townshend Power-Riffs und einen Sound, ohne die weder Hardrock, Punk oder Metal vorstellbar sind. Zusammen mit dem genialisch-verrückten Drummer Keith Moon und dem fantastisch versierten Bassisten John Entwistle bildete Pete Townshend von 1965 an (bis zu Moons Tod 13 Jahre später) das unkonventionellste, freieste, härteste Trio des Rock. Ohne Roger Daltrey hätten die Who nie Arenen gefüllt. Ohne Townshends Songs, zumal die Rockopern „Tommy“ (1969) und „Quadrophenia“ (1973), wäre The Who vergessen wie ihre damaligen Popkonkurrenten: The Move, Herman’s Hermits, The Herd, The Tremeloes. Deren Resteverwerter touren heute mühsam durch Kirmeszelte. The Who, geführt von Townsend und Daltrey (Entwistle starb 2002), brannten zum Abschluss der Londoner Olympischen Spiele am 12. August ein Feuerwerk ab, dessen Glanz und Energie sich die beiden als junge Männer in ihren kühnsten Albträumen vorstellten.

Der größte Dichter unter ihnen allen, Bob Dylan, nahm sich 2004 mit „Chronicles; Vol 1“ den Vortritt beim Verfassen von Memoiren und das Recht, mehrere Bände zu schreiben, wenn es dem Meister passen sollte. Es wurde ein literarischer Triumph. Bald folgte ihm Eric Clapton nach, dann – hinreißend, witzig, aufklärerisch, wahrhaft historisch – Keith Richards, der die Musikwelt mit einem kaum zu erreichenden Goldstandard für Rockmemoiren überraschte. Zu diesem Jahresende konkurrieren Leonard Cohen, Neil Young und Pete Townshend auf dem Buchmarkt miteinander.

Es ist das Alter. Mick Jagger und Roger Daltrey könnten sich beschweren, dass ihren Memoiren vorgegriffen wurde. Während Richards sich um das Image Jaggers nicht im Mindesten scherte, kommt Daltrey bei Townsend so gut weg, dass er ihm, wie bei den Who, den Text seines Lebens fast überlassen könnte. Wenn er das Geld nicht braucht. Townshend, der sich allein im Studio am wohlsten fühlt und auch als bühnenferner Komponist zufrieden gewesen wäre, hat es finanziell nicht nötig. Die Kompositionsrechte der Who-Songs dürften bei rund 100 Millionen verkauften Platten den Mann, seine Familie und die Nachgeborenen aufs Beste ernähren.

Wer die 500 Seiten von Pete Townshends „Who I Am“ durcharbeitet, muss sich fragen, wie viel Glück und Genius dieser Mann gegen alle Wahrscheinlichkeit auf sich ziehen konnte. Geboren in London zwei Wochen nach der Kapitulation Nazideutschlands, unwillkommen bei begabten, unerwachsenen Eltern, die einander schlugen, andere küssten und zu viel tranken; zu einer psychotischen Großmutter für zwei Jahre abgeschoben; dann missbraucht vom Liebhaber seiner Mutter: Pete Townshend hätte in der Gosse landen müssen, wäre da nicht die Musik und die bildende Kunst und die verletzte Intelligenz und Liebesfähigkeit eines Jungen in West London Ende der fünfziger Jahre. Pete hasst sich fast so innig wie seine Peiniger, sein Selbstvertrauen bei Mädchen und auf der Straße ist nichtig. Die Gitarre wird seine Waffe. Er wird Rockstar und tief verzweifelt.

Zu den Glanzeiten der Who braucht er eine Flasche Remy Martin auf der Bühne. Die Band und ihr Management sind ständig auf einem Cocktail von Drogen, wenn man den Erinnerungen glaubt. Dabei ist er konservativ, ängstlich, die anderen Jungs haben Drogen und Groupies, er hat Drogen und die musikalischen Ideen. Townshend leidet, ist ein Jahrzehnt trocken, dann wieder ein wilder Säufer; er ist religiös - dem indischen Mystiker Meher Baba (1894 - 1969) dient er mit Geld und Gebeten über Jahre - , er wird Ehemann und dreifacher Vater und reich, vor allem durch die Filme und Musical-Adaptionen von „Tommy“ und „Quadrophenia“.

Legendärer Woodstock-Auftritt

Townshend erscheint nicht misogyn und egomanisch wie sein Drogenbuddy Eric Clapton. Der Who-Gitarrist verordnet sich Psychotherapie und Analyse. Er versöhnt sich mit Roger Daltrey, nachdem der ihm 2003 während eines furchtbaren, über Monate gärenden Verdachts, Kinderpornografie gekauft zu haben, treuer als andere beigestanden hat. Townshend kommt mit einer „Verwarnung“ davon; obwohl nie ein Beweis auftaucht.

Wer nie vergessen wird, in welchem Kino er den „Woodstock"-Film gesehen hat, wird Townshends Memoiren lesen wollen. Der Auftritt der Who ist einer der unsterblichen Momente. Roger Daltrey halb nackt, sexuell aufregend in seiner indianischen Fransenjacke, wird in dieser Nacht ein Superstar: „See Me/ Feel Me/ Touch Me/ Heal Me“. Pete Townshend springt in die Luft, sein rechter Arm schlägt die Gibson wie ein havarierter Hubschrauber. Es sind seine Markenzeichen: gewaltsame Grazie, Machismo eines Schüchternen. Townshend hasste das Chaos von Woodstock und zettelte fasst eine Prügelei an. Die Show erhob sie zur Rockaristokratie. „Auf der Bühne“, notiert er gegen Ende seines Buchs, „war ich fähig etwas zu tun, was ich in keinem anderen Teil meines Lebens vermochte. Niemand hat sich je erfolgreich auf der Bühne mit mir angelegt. Nicht einmal Roger Daltrey. Abseits der Bühne bin ich, ehrlich gesagt, eine Maus. Wenngleich eine Maus mit Launen.“

Pete Townshend: Who I Am. Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 24,90 Euro.