Roman

In Sophies Kopf läuft ein Erotikfilm ab, aber praktisch läuft nichts

„Artischockengröstl als Vorspeise, Wiener Schnitzel als Hauptgang“, und dazwischen jede Menge Geknödel: Rainer Moritz’ vermeintlicher Sommerroman „Sophie fährt in die Berge“ ist keine leichte Kost.

Zwar ist die kalorienarme Handlung – einsame Mittvierzigerin fährt nach Südtirol und verliebt sich in Einheimischen – rasch verdaut, doch der Stil hat es in sich. Da tropft schon mal „eine Handvoll Wanderer vor sich hin“, gleich darauf käuen „Kühe links und rechts wieder.“ So vorbildlich man die gleichmäßige Backenzahnbelastung der Tiere finden mag, bangt man doch um die Handvoll Wanderer, die, offenbar däumlingsgroß, den Kühen ins Maul geraten sein könnten. In Moritz’ Südtirol, genauer in Zweikapellen oberhalb des Eisacktals, ist alles möglich. Selbstironische Intellektuelle arbeiten Marillenschnaps saufend an Biografien über vergessene Ehepaare des 19. Jahrhunderts. Polnische Bedienstete mit fotografischem Gedächtnis tragen die erwähnten Schnitzel auf. Sogenannte Sonnenhäusl, die irgendwas mit Hitler zu tun haben, stehen in der Gegend herum, als könne sie kein Wässerchen trüben.

Aber sie haben nicht mit Moritz’ Gewittern gerechnet, mit denen der Autor sich und seine Figuren alle naselang nass macht. Das ist gut für die Natur – wie sollten sonst die Stilblüten und Binsen gedeihen, die nach Art einer Blumenwiese über die Seiten sprießen? Und wo Blitze zucken, kommt Spannung auf, das ist auch in der Literatur ein Naturgesetz: „Sie klammerte sich an Stefano, der sie die restlichen Meter über den Kies in die Eingangszone der Pension zog. In Sicherheit!“ „Sie“, das ist die Sophie aus dem Titel, die in Berlin ein rotes Sofa besitzt und keinen Mann und in Kalifornien einen mürrischen Sohn, der aber nach längerer Einführung keine Rolle mehr spielt. Wozu auch? Da gibt es ja längst den Investigativjournalisten Stefano, mit dem Sophie trotz aller digitaler Kommunikationsbedenken – „womöglich würde bald einer sogar beim Abendessen vergessen, sein Handy auf stumm zu schalten“ – SMS austauscht und später keusche Küsse. Moritz’ Sommerwiesen, ahnen wir nicht nur dank der Gewitter, sind in Wahrheit Feuchtgebiete.

Der Roman ist Südtirols Antwort auf „50 Shades of Grey“, nur ohne Sex. Den gibt es allein in der Erinnerung, wenn „in Sophies Kopf die zweite Wiederholung des Erotikfilms, dessen Besetzungsliste zwei Darsteller hatte, sie und Stefano“, läuft. Expliziter wird es nicht, denn Moritz ist ein Mann von Geschmack. Marcel Proust liefert das vorangestellte Motto – „In der Liebe aber ist es leichter, auf ein Gefühl zu verzichten, als eine Gewohnheit abzulegen“ –, das zwar mit Sophie und ihrem Roman nichts zu tun hat, doch dafür von einer Eleganz ist, die sich selbst genügt.

Sophie fährt in die Berge. Piper, München. 224 S., 18,99 Euro.