Theater-Kritik

Dank Frank Castorf fiebert Dostojewskis „Wirtin“ fabelhaft

Es gibt Aufführungen, die gleichen derart schlimmschönen Fieberträumen, dass man, noch während man ihnen gegenübersitzt, sich kalte Wickel anlegen möchte. Um einen kühlen Kopf zu kriegen.

Und wenigstens irgendwas zu kapieren. Frank Castorfs Dramatisierung von Dostojewskis früher Erzählung „Die Wirtin“ ist entschieden eine Aufführung mit hohem Kalte-Wickel-Faktor. Und Castorf kann da nur bedingt etwas für. Dabei sieht alles ganz harmlos aus. Und es passiert eigentlich auch nicht viel. Eine schwarze Holzhütte auf weißem Grund, könnte Schnee sein. Kein Horizont, ein paar Linien aus schwerer Erde, weiße Plastikstühle, ein Total-Taiga-Ziehbrunnen, eine autokinogroße Leinwand. Hin und wieder steigt Rauch auf.

Russland mitten im 19. Jahrhundert. Eigentlich. Wassili Michailowitsch Ordynoff, ein ziemlich junger Eigenbrötler, mietet sich bei Ilja Murin ein. Murin ist alt und altgläubig und ein Zauberer. Eine Frau hat er, Katerina heißt sie. Die ist schön natürlich und jung und hat ihre Seele dem Zauberer verkauft. Ordynoff sieht sie – den Rest könnte man sich denken, würden Castorf und Dostojewski in der schieren Kriminalkolportage einer traurigen Dreiecksgeschichte hängen bleiben, auf der „Die Wirtin“ hirnverwirrend in den Wahnsinn tanzt.

Denn jetzt kommt das Fieber ins Spiel. Das verwandelt alles. Schon Dostojewskis Erzählung ist Literatur mit fliegender Hitze. Ordynoff fiebert in einem fort, Murin krampft das Hirn im Anfall. Liebe lodert auf. Alles fängt an zu flirren. Alles verwirrt sich, Liebe, Leiden, Traum, russische Seele, schwarze Romantik.

Alles ist offen. Castorf reißt es weiter auf. Er brodelt aus dem Untergrund hervor, was Dostojewski noch unter dem Deckel lassen musste. Mischt das Bessere aus seinem Regiemaniebaukasten hinzu. Greift der Erzählung in den Unterleib, kehrt das Unterste zuoberst. Und das Volksbühnenkarussell ächzt ein bisschen, dann aber funktioniert es mal wieder prächtig. Es wird gerast, gekotzt, geschrien. Kathrin Angerer (Katerina), Marc Hosemann (Murin) und Trystan Pütter (Ordynoff) umringen, umspringen sich großartig und bis aufs Blut. Pardon wird nicht gegeben, nicht der Geschichte, nicht dem Text, nicht sich selbst gegenüber. Die medizinische Abteilung der Volksbühne hatte wohl einiges zu tun hinterher. Der einzige allerdings, der tatsächlich kalte Wickel zu brauchen schien, war der deutlich verschnupfte Hausherr. Dabei hat der Winter noch nicht mal angefangen. Es soll ja ein russischer werden.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel.: 24 06 57 77. Nächste Termine: Heute, 9. und 25.11., 15., 21. und 25.12.