Fernsehen

Dürfen die das denn?

RBB-Skandal mit Ansage: Im nächsten Berliner „Tatort“ wird Selbstjustiz öffentlich-rechtlich gutgeheißen

Der neue Berlin-„Tatort“ wird erst in zwei Wochen, am 18. November, ausgestrahlt. Aber am Donnerstagabend feierte er schon eine Vor-Premiere, ein Heimspiel in Berlin-Mitte. Und das Publikum im Babylon-Kino hielt den Atem an. Denn am Ende, so viel sei hier schon verraten, wird der Mörder nicht verhaftet. Er wird laufen gelassen. Man erfährt sogar in der letzten Szene, dass es noch einen weiteren Mord gegeben hat. Dass eine Person getötet wurde, die reichlich Dreck am Stecken hat, aber rein rechtlich nicht belangt werden könnte.

Das ist nun nicht der erste „Tatort“, der Grauzonen auslotet. Auch Provokation gehörte von jeher zu der ARD-Erfolgsserie hinzu. Und doch muss man sich fragen: Dürfen die das? Wenn ein privater Sender einen solchen Plot erfinden würde, wäre das noch etwas anderes. Aber wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender, der von den Rundfunkgebühren der Bürger genährt wird, der Fernsehnation zu verstehen gibt, dass man das gutheißen kann, ist der Aufreger programmiert.

Provozieren wollte die ARD ja auch wirklich. Nur in andere Richtung. Der RBB-Tatort „Dinge, die noch zu tun sind“ läuft nämlich in einer ARD-Themenwoche, die ein Tabu aufgreift: Vom 17. bis 23. November wird es zahlreiche Sendungen zum Thema „Leben mit dem Tod“ geben. Und der „Tatort“ war von Anfang an in der Langplanung dabei, als Höhepunkt dieser Woche. Nun geht es, mögen Sie denken, beim „Tatort“ ja immer um den Tod, wird doch meist in den ersten fünf Minuten ein Mensch ermordet. Hier wird das Thema aber von anderer Seite angegangen.

Drehbuchautor Jörg Tensing stellt nämlich dem kauzigen Berliner Kommissaren-Duo Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) eine Kollegin vom Drogendezernat zur Seite. Ermordet wurde nämlich ein Hersteller einer neuen Designerdroge, und die Spur führt genau in dieses Milieu. Wie so oft, greift der „Tatort“ damit ein brisantes Thema auf: Kaum wird eine neue synthetische Droge verboten, wird sie, mit kleinen Veränderungen in der Rezeptur, wieder legal auf den Markt gebracht.

Doch nicht dieser Handlungsstrang verweist auf die Themenwoche: Melissa Mainhard (Ina Weisse), die Ermittlerin vom Drogendezernat, verhält sich merkwürdig. Sie klebt sich heimlich Pflaster, sie verstaut Geschenke für ihre beiden Töchter im Schrank und einmal kippt sie mitten vor den Kollegen um. Melissa Mainhard ist schwerkrank. Todkrank. Die Pflaster sind Morphinpflaster, die Krebskranken im Endstadium verabreicht werden. Wenn schon nichts mehr hilft.

Das eigene Nachleben vorplanen

„Sie werden sterben. Lassen Sie uns darüber reden“: So heißt der Werbeslogan zur ARD-Themenwoche, der auch bei der „Tatort“-Premiere vor dem Film projiziert wird. Er provoziert ein verstörtes Lachen. Aber genau das wird im Laufe des „Tatorts“ übernommen. „Warum bleiben Sie nicht einfach zuhause“, fragt Aljinovics Stark an einer Stelle die Kollegin. Sie kontert mit der Gegenfrage: Würde er das an ihrer Stelle tun, einfach zu Hause sitzen und zu warten, bis es vorbei ist? Genau darum soll es in dem Film von Claudia Garde gehen. Das erinnert ein wenig an den Kinofilm „Mein Leben ohne mich“ von Isabel Croixet, in dem eine Frau das spätere Leben ihrer Familie plant, wenn sie mal nicht mehr ist.

Und so ist also auch der Titel der „Tatort“-Folge zu verstehen: Dinge, die noch zu tun sind. Der liest sich im Nachhinein allerdings noch ganz anders. Um das zu erklären, müssen wir an dieser Stelle den Schluss verraten. Wer das nicht wissen will, sollte jetzt nicht weiterlesen. Allen anderen sei gesagt: Die Frau möchte ihre Arbeit zu Ende bringen. Sie befürchtet auch, dass ihre ältere, pubertäre Tochter selbst drogenabhängig werden könnte. Also bringt sie den Drogenhersteller um. Und dann auch denjenigen, der das Rezept neu auf den Markt bringt. Dahinter steht allerdings ein findiger Unternehmer, der die rechtlichen Grauzonen genau kennt und juristisch nicht zu fassen ist.

Raackes Ritter darf mal wieder flirten mit dieser Frau. Er überführt sie schließlich, als sie auch den Unternehmer töten will. Aber sie wird nicht zur Wache gefahren. Sondern nach Hause. Sie hat ja schon die Höchststrafe. Am Ende fährt sie mit ihren Kindern in Urlaub. Aus dem Off erfahren wir, dass auch der Unternehmer tot aufgefunden wurde. Und jeder darf sich seinen Teil denken. Dass auch die Herren Kommissare ganz froh sind, dass der Typ, den sie nicht dingfest machen können, seine gerechte Strafe bekommen hat.

Die „Tatort"-Folge ist spannend und beklemmend inszeniert. Und hervorragend gespielt, gerade auch von der Gastschauspielerin Ina Weisse. Die Kommissare können sich dabei auch auf das gesunde Rechtsempfinden von Otto Normalverbraucher berufen, sprechen womöglich auch manch realen Ermittlern, denen rein rechtlich die Hände gebunden sind, aus dem Herzen. Waren sich die Macher bewusst, welch explosiven Stoff sie da produziert haben? „Nein“, sagt die zuständige RBB-Redakteurin Josephine Schröder-Zebralla noch abends im Babylon-Kino. Es gibt eine sogenannte Kleine Runde, bestehend aus fünf Redakteuren der Abteilung Fernsehfilm, die über jeden Sonntags- und Mittwochsfilm ein Gutachten erstellen muss. „Und die haben keine Bedenken bei dem ‚Tatort‘ ausgesprochen.“

Und was sagen die Darsteller selbst? „Ich glaube nicht, dass das so eine große Nummer ist“, meint Dominic Raake auf der Galerie des Babylon-Kinos. Für ihn stehe das andere im Vordergrund: die Konfrontation mit dem Sterben. „Das“, meint er gar, „hat eine Poesie und gibt dem Film eine Zärtlichkeit, eine Farbe, die wir so noch nicht hatten.“ „Ich emfpinde“, attestiert Boris Aljinovic, „den ‚Tatort‘ als ideale Plattform für Experimente dieser Art.“ „Ich würde mir sogar wünschen“, so jetzt wieder Raacke - die beiden sind wirklich ein eingespieltes Team -, „dass uns das auch ein bisschen ausmacht die zwei Sonntage im Jahr. Dass es bei uns eben nicht nur um die zwei unterschiedlichen Kommissare geht.“

Kuckucksei für die Themenwoche

Wurde denn während des Drehens darüber diskutiert? Oder schon im Vorfeld, beim Entwickeln des Drehbuchs? „Wir sind nicht die finale Instanz, können aber Impulse geben“, so Aljinovic. „Ich bin jedenfalls gespannt auf die Reaktionen. Ich finde den Schluss schön.“ Auch im Publikum wird nach der Vorführung des Films heiß diskutiert. „Vielleicht“, meint die Dame, die im Kino neben uns saß, möglicherweise stellvertretend für viele, „vielleicht kommt das Ende nur so dick, weil wir es so ungewohnt und übergroß auf der Leinwand gesehen haben.“ Auf dem Sofa daheim nimmt man das vielleicht eher hin.

Das wird man erst nach der Ausstrahlung beurteilen können, die absichtlich auf den Volkstrauertag terminiert wurde. Gut möglich aber, dass sich die ARD damit ein wahres Kuckucksei für ihre Themenwoche gelegt hat. Dass am Ende alle nur über Selbstjustiz sprechen. Und keiner über das Leben mit dem Sterben.

Tatort: Dinge, die noch zu tun sind ARD, 18. November, 20.15 Uhr