Konzert

Grizzly Bear im Astra: Träumen und Schwitzen

Natürlich stehen vor dem Astra auch die zwei Typen, die immer da stehen, wenn was los ist, und fragen: „Gras? Haschisch? Koka?“ Die wissen wohl nicht, wer spielen wird, sonst hätten sie anderes Zeug in ihren Bauchladen aufgenommen.

Psychedelischer Träumer-Rock und Koks? Das passt ja irgendwie gar nicht zusammen. Daneben verkauft ein Händler noch letzte Tickets. Der Kerl zieht sich die Mütze wieder über die Ohren und raucht. Zur Freude des Veranstalters und der Schwarzhändler ist das Konzert des New Yorker Quartetts Grizzly Bear restlos ausverkauft. Das führt dazu, dass eine Eintrittskarte jetzt den bis zu vierfachen Wert des Ursprungspreises von etwa 25 Euro einbringt. Im Inneren des Clubs sitzen schon die Malteser bereit. Vermutlich sind es Malteser, man weiß ja nie, ist ja Halloween. Auch auf dem Weg zum Astra hat man heute mehr Polizisten, Werwölfe, Eishockeyspieler und Rotkäppchen als sonst gesehen.

Neunzehn orangefarbene Lampions beginnen zu glimmen, als Grizzly Bear die Bühne betreten. Der drohende Fieberklang eines Synthesizers schwillt an und ab. Der Bass schlägt Haken, so ein bisschen wie ein Hase auf der Flucht. Die Akustik-Gitarre setzt ein. Ein betrunkener Käfer tanzt über das Klavier. Geschlossene Augen seligen Rausches. Dreistimmige Harmonien schmeicheln den Ohren. Ach, was für eine Stimme dieser Herr Droste nur hat. Der Sänger der Band heißt wirklich so mit Nachnamen, und man muss unweigerlich an den alten Zwanzigmarkschein denken und wie absinthgrün der nur war. Unter den Augen Drostes liegen tiefe Schatten und die Lampions flackern. Die Band entfacht einen Wirbelsturm. Körper reiben aneinander. Das Licht wird violett.

Sie spielen jetzt „Sleeping Ute“, ganz viel Gewitter-Becken. Eigentlich, so schien es von vorne herein, ist es nicht zu verstehen, warum Grizzly Bear auf einmal so viel Zuspruch erhalten, aber in diesem Song meint man einen kurzen Blick in eine Anderswelt zu erhaschen. Würden die die Picking-Gitarre weglassen, hätte man einen schlimmen Blues-Rumpler, aber die ist ja da, und dazu hören wir noch seltsame Raumschiff-Cockpit-Geräusche: Plicken, Plocken, Tastendrücken. Ed Droste bedient ein seltsames Klanggerät, vermutlich ein Kaoss-Pad. Das ist ein kleiner Kasten, über den, mit den Fingern drübergewischt, die verrücktesten digitalen Geräusche erzeugt werden können. Dann bricht der Song zusammen. „And those figures through the leaves/ And that light through the smoke/ And those countless empty days/ Made me dizzy when I woke“, kehrt Droste seinen Albtraum zur Folk-Gitarre nach draußen.

Die vielen Norwegerpullover im Publikum sind durchgeschwitzt. Wolle ist sehr praktisch, die wird nicht richtig nass, anders als Baumwolle. Nach siebzehn Songs folgt die Zugabe. Droste hat getanzt, Bassist Chris Taylor in eine Klarinette gepustet, die Augen der Zuschauer sind immer noch geschlossen. Als vorletzten Song spielen Grizzly Bear „On A Neck, On A Spit“. Die Einstürzenden Neubauten schauen vorbei, Trommellärm, schiefe, bleierne Gitarrentöne hängen in der Luft und dann ist alles vorbei. Nur noch die Lampions hängen, wie ein Bergrelief auf und ab gehend, vorm dunklen Stoff der Bühne. Und die Halle haucht ihre Besucher langsam aus.