Pamphlet

Die alten Griechen und das Menetekel der Gegenwart

Als man 1829 dem jungen Bestsellerautor Leopold Ranke anbot, kurz nach dem erfolgreich beendeten griechischen Freiheitskampf eine Geschichte der griechischen Nation zu schreiben, lehnte er dankend ab.

Zu groß schien dem Altphilologen, der sich zuvor bereits intensiv mit den Verwirrungen der balkanischen Zeitgeschichte auseinandergesetzt hatte, die Diskrepanz zwischen den Griechen der klassischen Zeit und der blutigen Gegenwart. Der Mann, der später zum Begründer der deutschen Geschichtswissenschaft und Historiografen des preußischen Staates aufstieg, sollte sich nie mit dem zeitgenössischen Hellas beschäftigen.

Griechenland ist heute zum Synonym eines Menetekels geworden. Dass es einmal Sinnbild einer Erfolgsgeschichte war, daran will uns Karl-Wilhelm Weeber erinnern, auch er Altphilologe und Bestsellerautor. „Hellas sei Dank! Was wir den Griechen schulden“, lautet denn auch seine Kampfschrift, mit der er an „die Leistung Griechenlands für Europa“ erinnern will. Auch in seiner Wut über „die Griechen sollte Europa sein griechisches Erbe und Wesen nicht vergessen“.

Ehrenrettung von Hellas

Im Anschluss liefert Weeber eine leichtfüßige Tour d’horizon durch das klassische Hellas: Politik, Demokratie, Akropolis, Rhetorik, Philosophie, Olympia, Theater, Hippokratischer Eid, Museion, Koryphäen. Dennoch greift seine Ehrenrettung für Hellas zu kurz. Nehmen wir Weebers Hymnus auf die Erfindung der Geschichtswissenschaft. Da wird ausgerechnet der Melier-Dialog des Thukydides zum zeitlosen Text, „zum Lehrstück über die Hybris der Macht“. Der antike Historiker schildert ihn im Rahmen einer Strafexpedition, die die Athener 416 v. Chr. gegen die Kykladeninsel Melos inszenierten und die mit deren Auslöschung endete. Wortreich nimmt Weeber dies zum Anlass, über die „Erfindung“ der Historik zu schwelgen. Zum indigenen Verhältnis von Völkermord und Demokratie in der griechischen Antike fällt ihm aber wenig ein.

Natürlich gehört es zum Charakter eines Pamphlets, auf das Abwägen von Argumenten zu verzichten. Gleichwohl reicht es in gerade diesem Fall kaum aus, die klitzekleinen Unterschiede zwischen dem Griechenland der Antike und dem der Gegenwart auf marginalisierende Sätze zu reduzieren. Vor allem die Frage, warum unser Griechenbild immer noch ein Zerrbild ist, in dem viele Klischees aus der Antike, aber kaum Wissen über die Realität einfließen, hätte als eine Art Epilog die Aufklärungsleistung des Buchs sicherlich erhöht.

Karl-Wilhelm Weeber Hellas sei Dank! Was Europa den Griechen schuldet. Eine historische Abrechnung. Siedler, München. 400 Seiten, 22,99 Euro