Literatur

Und ewig lauert die Erbsünde

Christoph Peters blickt in seinem neuen Roman auf eine streng katholische Jugend im Internat

Es ist ein Kreuz mit Gott und der Welt. Sie lassen sich auf Teufel komm raus manchmal nicht zusammenbringen. Kann einen wahnsinnig machen. Vor allem wenn man ohnehin halbwahnsinnig ist, weil einem sämtliche Drüsen im Körper ständig neue Streiche spielen, weil alles im Hirn gerade neu verdrahtet wird, weil man in der Pubertät steckt. Da will man überall sein, bloß eigentlich nicht im Internat. Das geht – jedenfalls in der Literaturgeschichte – selten gut aus, das Ringen von Welt, Gott und Hormonen. Und eigentlich hatten wir gedacht, mit dem gefühlten halben Meter Internatsromane von Törless bis Potter, von Hesse bis Ishiguro im Regal und der eigenen Internatserinnerung im Kopf mit dem Thema ziemlich durch zu sein. Sind wir aber nicht. Eins hat noch gefehlt, unsers nämlich, unsere Geschichte. Die gibt es jetzt. „Wir in Kahlenbeck“ heißt sie, Christoph Peters hat sie aufgeschrieben. Ein ziemlich grandioses Ding.

Liturgie und Lächerlichkeit

Ein Ring aus brackigem Sumpf liegt um Collegium Gregorianum Kahlenbeck wie die dunkelverlockende Welt um die Seele eines jeden Kahlenbeckers. Schillernd in allen Farben von Schwarz, schlimmschön übelriechend, abgründig. Draußen, jenseits des Grabens, herrscht Tauwetter, als es losgeht in in einer großartig aus Welt und Gott, Liturgie und Lächerlichkeit verschnittenen Anfangsszene, draußen sind die Achtziger. Drinnen taut nichts, es zieht kalt durch die Ritzen der festen Burg Kahlenbeck. Drinnen im Collegium Gregorianum, einer rechten Kaderschmiede des Katholizismus am Niederrhein, rücken die geistigen Truppen des Herrn und der christlichen Restauration enger zusammen. Rüsten sich für den immerwährenden Kampf gegen den Teufel.

Davon, dass der existiert, sind sie so sehr überzeugt wie von der Erbsünde. Er lauert überall und immerdar. In der Cola zeigt er sich, in der Haartracht, einem bordeauxfarbenen Citroen, vor allem aber und immer zeigt er sich natürlich in der Frau. Nichts ist das Leben, als ein steter Kampf gegen die Versuchungen des Satans und alles muss man in die Waagschale werfen, sonst ist man verloren. Vor allem eben gegen jene Versuchungen, die Brüste hat. Selbst das Gemächt seines Mitschülers in höchster Hormonnot zu berühren, ist reiner als eine Freundin zu haben. Zu erklären, dass alle Liebe zwischen zwei Menschen schön sei, weil sie aus Gott komme, sagt mal einer, untergrabe die komplette Sexuallehre der Kirche. Dass die heilige Inquisition mehr Christenmenschen vor der Hölle bewahrt hat als sonst irgendeine Institution, sagt dieser christliche Hochleistungspitzfinder, ein katholischer Zyniker von Graden, allerdings auch. Und dass der Darwinismus natürlich nicht mehr als eine windige Hypothese sei. Und dass die gottvergessene Aufklärung geradezu zwangsläufig geradewegs von Kant in die Konzentrationslager führen musste, das sagt er auch.

Es ist ein Wahnsinn, ein Wahnsystem, dass da ein vielleicht letztes Mal mit dieser Kraft sich der Seele junger Männer zu bemächtigen versucht. Und der kleine Carl Pacher mitten drin im immer enger ihn umschließenden Denk- und Morallabyrinth. Nicht zufällig trägt er die selben Initialen wie der Schriftsteller Christoph Peters, der 1966 geborene Chefsinnsucher und –religionsforscher der deutschen Literatur, der im Collegium Augustinianum im niederrheinischen Gaesdonck zubrachte, wie im übrigen neben den schriftstellenden und übersetzenden Brüdern Markus und Paul Ingendaay noch der Schriftsteller und Übersetzer Gregor Hens.

In einem scheinbaren Nichts an Handlung, in hochaufschlussreichen, zauberbergianischen, platonischen Debatten, dramatisiert immer wieder von grandiosen Gegenschnitten von Denken, Glauben und Lieben, umstellt von den üblichen Ingredienzien eines Internatsromans spielt sich das ganz großes Seelendrama eines um Reinheit und um wahres Christenmenschsein ringenden Pubertierenden ab.

Gottesliebe und Menschenliebe

Es muss doch gehen, sagt sich Carl. Man muss doch Gottesliebe und Menschenliebe zusammenbekommen, Glaube und Welt, Frau und Mann. Er ist ja guten Willens. Er rebelliert nicht, wohin denn auch und wogegen. Er optimiert sich, er will gottgefällig leben, auch wenn der Gott ein zerknirschender mehr als ein befreiender zu sein scheint.

Und er scheitert. Jedenfalls denkt er das. „Ich bin Dreck“, sagt er mehr als nur einmal. Er ist ein Musterschüler der Selbstinquisition. Dass er sich am Ende sogar flagelliert mit dem Gürtel, nimmt nicht Wunder.

Wir schreiben allerdings – und das macht den ganzen Roman erst recht aufregend - nicht die Fünfziger, obwohl es sich manchmal so anfühlt in der Welt von Carl Pacher, dem wir durch zwei Jahre und zwei Lieben seines Lebens folgen. Wir schreiben die Achtziger. Jenes Jahrzehnt hat begonnen, an das man sich angeblich nicht erinnern kann, wenn mans erlebt hat, das Jahrzehnt der gesamtdeutschen Ereignislosigkeit, als zwei deutsche Staaten ihrer Wiedervereinigung entgegendämmerten, das Jahrzehnt von Apokalypse und Abtanzen.

So ist „Wir in Kahlenbeck“ eben tatsächlich viel mehr als ein Internatsroman. Es ist Leidensgeschichte und Liebesgeschichte, Tiefenlotung in die Verfallszeit des Katholizismus und gewichtiger Beitrag zur literarischen Mentalitätsgeschichte der späten Bundesrepublik.

Und sehr sogwirkend ist es auch. Hätte auf jede Shortlist des Jahres gehört.

Christoph Peters Wir in Kahlenbeck. Luchterhand, München. 506 Seiten, 22,99 Euro.