Archäologie

Intensivstation für Dionysos und die Amazonen

Das Archäologische Zentrum der Museumsinsel ist eröffnet – Eine offene „Heimstatt für internationale Forschung“

Weißer geht es nicht. Weiße Treppen, weiße Decken, weiße Geländer, weiße Türen. Wäre das neue Archäologische Zentrum (AZ) ein Museum, würden wir es White Cube nennen. „Klinisch getestet“, scherzt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bei der Eröffnung. „Wie auf einer Intensivstation“, murmelt ein Mitarbeiter und meint damit die langen, langen Flure mit den einzelnen Verwaltungsbüros. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, hell strahlt das Gebäude auf jeden Fall, wichtig für die Archivare, die mit ihren lichtempfindlichen Objekten ja ihre Tage eher im Dunkel der Magazine verbringen.

Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, im Schatten der großen Planungen des Masterplans, entstand in den letzten drei Jahren das Archäologische Zentrum an der Geschwister-Scholl-Straße, gleich an den S-Bahn-Bögen und in direkter Nachbarschaft zur Museumsinsel. Aus einem der lichten Panoramafenster kann man die Kuppel des Bode-Museums leuchten sehen. Der Neubau nach den Plänen des Stuttgarter Büros Harris + Kurrle Architekten versteht sich als Backstagebereich der Museen, als reines Funktionsgebäude für Wissenschaft und Forschung. Es beinhaltet Archive, Studiensammlungen mit Antiken, Restaurierungswerkstätten, Depots und viel Platz für wissenschaftliche Verwaltung. Viele dieser Bereiche lagen bislang weitverzweigt in der Stadt verstreut.

„Wir können jetzt die Museen freiräumen und gewinnen damit mehr Ausstellungsfläche“, freut sich Parzinger. Fünf Berliner Museen bilden hier eine gemeinsame Plattform: das Ägyptische Museum, Antikensammlung, Museum für Islamische Kunst, Museum für Vor- und Frühgeschichte. Aushängeschild ist die gemeinsame Archäologische Bibliothek, hier möchte man gerne studieren, so großzügig und modern ist sie eingerichtet. 1000 Quadratmeter ist sie groß, 150.000 Medien stehen für Forschungszwecke bereit. Allein die Papyrussammlung des Ägyptischen Museums – eine der weltweit größten ihrer Art – verwahrt an die 60.000 Handschriften. Wer forschen möchte, muss sich allerdings anmelden. Die Schriften und Grabungsdokumente – von Babylon, Milet bis Pergamon – sind jetzt zentral verwahrt. Die erste Karteikarte der Schliemann-Sammlung beispielsweise ist hier sorgfältige archiviert. Auch Amazonen, Römer und Dionysos halten jetzt Hof in riesigen Stahlregalen im Studiensaal der Antikensammlung. Um die 2500 Objekte sind in hohen Regalen aufgestellt, bislang wurden sie in einer Kellergruft des Pergamonmuseums verwahrt. Eine „Hochleistungsdenksporthalle“ nennt Parzinger das AZ, „kein neuer Elfenbeinturm“ sei es, sondern eine „offene Heimstatt für die internationale Forschung“, sagt Peter Funke, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Durch die Bündelung der Forschung im Zentrum der Stadt soll die starke Position der Altertumswissenschaften in Berlin weiter gestärkt werden.

47 Mio. Euro flossen in das Gebäude samt Ersteinrichtung. Seit 1999 sah der Masterplan mit der Sanierung und Erweiterung der Insel vor, dieses Gelände der ehemaligen Alexander-Kasernen zu nutzen. Bislang hat der Bund 783 Millionen Euro für das Projekt Museumsinsel ausgegeben, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann gestern betonte. Bis zum Ende der Arbeiten – voraussichtlich 2027 – sollen fast 1,4 Milliarden Euro ausgegeben werden. Als nächstes steht die dringende Sanierung der Neuen Nationalgalerie an.

Mit diesem Projekt ist die Zukunft der Gemäldegalerie verbunden. Gleich nebenan soll einmal der geplante Neubau für die Sammlung Alter Meister als Erweiterung des Bode-Museums entstehen. Im Sommer entbrannte ein Kulturkrieg um diese Umzugspläne, zumal die Finanzierung des Neubaus noch aussteht. Neumann gab gestern bei der Eröffnung grünes Licht für den neuen Nachbarn des Archäologischen Zentrums. „Die Summen werden wir bewilligen“. Die Marschrichtung steht fest – vorerst.