Jubiläum

Kleines Theater mit großem Komplex: Das Gorki feiert den 60.

Das Jahr 1952: Ulbricht befahl den Aufbau des Sozialismus, und seine SED schoss aus allen kulturpolitischen Rohren gegen „westlichen Existenzialismus“, „dekadenten Kosmopolitismus“ und „spätbürgerlichen Modernismus“, lauter böse Sachen, die der DDR-Kunst schaden.

Das ging natürlich auch gegen den Brecht-Betrieb, gegen dessen Zeige-Theater (wie die Verhältnisse zu ändern sind), dessen Verfremdung (keine richtigen Menschen auf der Bühne, bloß V-Effekte). Ein sozialistisches Modelltheater musste her: Am 30. Oktober wurde das Maxim Gorki Theater eröffnet. Hier galt Stanislawskis naturalistisches Psycho-Dogma: Einfühlung, Identifikation (nur richtige Menschen auf der Bühne). Das politisch affirmative, auf Bestätigung der Verhältnisse orientierte „Gorki“ war der Gegenentwurf zu Brechts politisch-kritischem Berliner Ensemble. Seine Gründerväter waren Stalin und Stanislawski. „Das Parteitheater, da ging man eigentlich nicht hin“, erinnert sich Katharina Thalbach.

Propaganda mit Sowjet-Dramatik, mit Stücken sozialistischer Bruderstaaten und aus DDR-Produktion, dazu Stanislawski pur und stur – dafür fand das Volk, der große Lümmel, schnell den Gorki-Aufkleber „Geltungsbedürfnisanstalt“. Deshalb wurde schon unterm streng linientreuen Erst-Intendanten Maxim Vallentin versucht, „Formen und Möglichkeiten des sozialistischen Realismus“ ganz, ganz vorsichtig auszuweiten.

Genosse Albert Hetterle, Intendant seit 1968 (bis 1994), setzte diese Mühseligkeit zaghaft fort. Mit stark wechselndem Erfolg. Und in den 1980er Jahren mit dem ziemlich mutigen Engagement der für neue poetische Spielweisen stehenden Geheimtipp-Regisseure Rolf Winkelgrund und Thomas Langhoff („Drei Schwestern“, „Die Übergangsgesellschaft“). So wurde „das kleine Theater mit dem großen Komplex“ endlich zum ernst zu nehmenden Kunst-Institut mit starkem Ensemble voller Berühmtheiten. Und war trotzdem nach der Wende bis weit in die 90er Jahre von Abwicklung bedroht. Erst Thalbachs Sensationserfolg „Der Hauptmann von Köpenick“ sicherte den Fortbestand, sagte Ex-Chefdramaturg Oliver Reese am Dienstagabend auf der 60-Jahr-Feier des Hauses, das derzeit glänzt unter Armin Petras und sich abrackert an der Überfülle der Formen und Inhalte.

Solch Überfülle kennzeichnete auch das Geburtstagsfest, moderiert von Ex-Dramaturg Manfred Möckel (1966 bis 2001). Es bescherte uns ein paar ganz tolle und einige weniger tolle szenische Life-Acts mit Ursula Werner, Ruth Reinecke, Götz Schubert, Fritzi Haberlandt, Peter Kurth und Schauspielstudenten; garniert mit Filmdokumenten aus der komplizierten „Gorki“-Story vom stalinistischen Beton-Beginn zum Aufbruch in ideologiefreie Zonen bis hin zum auch nicht problemlosen Einnisten im Heute. Durchmischt wurde das ganze vom Geplauder über schlimme und schöne Zeiten mit Monika Lennart, Jörg Gudzuhn, Monika Hetterle, Wolfgang Hosfeld, Regine Zimmermann und Altkritiker Martin Linzer. Viele interessante Sachen und Sächelchen. Ein weit, ein allzu weit schweifender Erinnerungsabend der ergreifenden Bilder grandioser und gar grausiger Kunst, der billigen Verklärungen und netten Geschwätzigkeiten. Vielleicht gelingt beim nächsten Jubiläum der flotte, tollkühne Revue-Ritt durch die Epochen.