Kino

17 Minuten mit 007

Wie viel James Bond steckt in Daniel Craig? Wir haben den Schauspieler vor der „Skyfall“-Premiere im Hotel Adlon getroffen

Dann ist es soweit. Daniel Craig betritt den Raum. Und strahlt uns an, als ob es das erste Gespräch des Tages sei und nicht auch sein soundsovieltes. Halt genau wie Julia Roberts in „Notting Hill“. Darauf fällt man nur allzu willig immer aufs neue rein. Craig trägt die Haare wieder länger. Und ist frisch rasiert. Also nix da von dem markanten Bond-Image aus „Skyfall“, wo man nicht weiß, was länger ist, das Stoppelhaar oder der Dreitagebart. Das hätte mir eine Warnung sein sollen. Aber ich frage doch. Denn alle wollen das wissen, im Freundeskreis, auch in der Redaktion. Wie viel Bond steckt in Daniel Craig? Er guckt mit diesen irrsinnsblauen Augen. Und ohne auch nur die Spur eines Lächelns sagt er nur ein Wort. „Nichts.“ Das könnte jetzt das Ende des Gesprächs sein.

Das waren noch Zeiten, als Daniel Craig vor 15 Jahren unerkannt in Berlin „Obsession“ drehen konnte. Inzwischen kann er nicht mehr so einfach auf den Kudamm. Denn er ist Bond, James Bond. Der Potsdamer Platz ist schon seit Stunden belagert von Fans, die ihn sehen wollen, die ein Autogramm haben wollen, die einfach mal sagen wollen, dass sie in seiner Nähe gewesen sind. Wir haben es da ein wenig besser. Wir dürfen schon vor der Filmpremiere zu ihm, zu einem Gespräch im Hotel Adlon.

17 Minuten sind pro Gespräch angesetzt, und die Pressedamen wachen penibel, dass der Zeitplan eingehalten wird. Das ist aber auch nicht so einfach. Es ist wie in „Notting Hill“, in dem Julia Roberts einen Filmstar spielte und Hugh Grant ihren Liebhaber. Alle Filmjournalisten lieben diesen Film. Denn als er zu ihr ins Hotel will, ist da gerade Interviewtag. Und wenn man den Star sprechen will, muss man auch alle anderen sprechen. Wer jetzt Daniel Craig interviewt, muss auch Bérénice Marlohe, das Bond-Girl aus „Skyfall“, sprechen, Sam Mendes, den Regisseur, und Barbara Broccoli, die Produzentin. Ein Redemarathon.

„Beschweren Sie sich bei Barbara“

Also nicht wie Bond, sagt Craig. Schade. Dann sagt er aber doch noch was. „Es ist kein Bond in mir, kein Stückchen. Ich tu nur so, als ob. Die ganze Chose.“ Au weh. „Es wäre natürlich schön, ein Held zu sein in einer brenzligen Situation“, setzt er nach, „aber ich möchte nicht in einer brenzligen Situation stecken.“ Und jetzt kommt die ernüchterndste aller Antworten: „Es ist ein Job.“

Tatsache ist: Mister Craig erscheint nicht im Anzug. Das hat er bei seinem ersten Bond-Einsatz „Casino Royale“ noch getan. Wer Bond ist, muss Markenanzüge tragen, Markenschuhe, Markenuhren. Doch das Model mag er nicht mehr sein. Und die Tom-Ford-Anzüge, die ihm für seinen Spionage-Einsatz auf den Leib geschneidert sind, die mag er auch nicht. Privat trägt er lieber Jeans und Cowboystiefel. Zum Interview hat er sich für den klassischen Kompromiss entschieden: Hemd und Krawatte, aber statt Jackett ein legerer Pullunder.

Sein Auftreten ist selbstsicher. Das war bei „Casino Royale“ noch nicht so. Damals hat er noch reichlich Häme einstecken müssen, über den „blonden Bond“, über das Weichei, weil er mit Schwimmweste zum ersten Fotoshooting über die Themse sauste. Ist alles längst vergessen. Kann sich noch jemand an die Bond-Darsteller zwischen ihm und Sean Connery erinnern? Gab’s da noch wen? Mit nur drei Filmen hat Craig alle Vorurteile gegen ihn zunichte gemacht. Immer wieder ist vom härtesten, authentischsten 007 die Rede, von einem zerrissenen Agenten für eine zerrissene Welt.

Und das ist doch natürlich auch sein Verdienst. Er hat nämlich durchaus Mitspracherecht. Was seine Figur angeht, auch die Besetzung der anderen Rollen. Das hat mir Frau Broccoli verraten. Wie ist denn das Verhältnis zur Frau Produzentin? Ist es vergleichbar mit dem zwischen Bond und seiner Chefin M? Frau Broccoli hat bei dieser Frage schallend gelacht. Craig verzieht wieder keine Miene. Und sagt eiskalt: „Angespannt.“ Langsam schwant uns, es ist ein Schau-Spiel. Knochentrocken ironisch sein. Das Spiel beherrscht er perfekt. Fast. Um seine Augen spielt sich dann doch so etwas wie ein Lächeln ab. „Barbara wollte mich haben. Sie müssen sich bei ihr beschweren.“

Und wie ist das mit dem Training? Zur Vorbereitung musste Craig monatelang Hanteln stemmen. Und das jeden Tag. Tut er das privat auch? Bloß nicht! Leicht angewiderter Blick. „Die Muskeln sind alle wieder weg.“ Ihm graut jetzt schon vorm nächsten Film. Warum überhaupt dieser Muskelwahn? Das mussten seine Vorgänger nicht leisten. „Ich weiß auch nicht“, grinst er. „Ich habe mich drauf eingelassen. Und jetzt komm ich da nicht mehr raus.“ Aber dann wird er wieder ernst. und meint, das müsse so sein. So stellt er sich den Bond vor. Als knallharten Typ, als einsamer Jäger, der mit sich selbst hadert.

Also doch. Sein Bond. Seine Vision. Und da ist in sechs Jahren, seit „Casino Royale“, doch einiges abgefärbt auf den Schauspieler. Auch was die physischen Aufgaben betrifft. Eins zumindest gibt er zu: die Höhenangst. Die hatte er noch, bei „Casino Royale“. Und er musste da einen kleinen Stunt vollziehen, der ihm durchaus Schweißperlen auf die Stirn trieb. Aber das hat er schon überwunden. Also doch. Der Bond wirkt doch in Craig nach.

„Fast“ ein schwuler Bond

Und jetzt zu den Sexszenen. Das muss sein bei Bond. Aber man sieht fast nichts in „Skyfall“. Ein Kuss unter der Dusche, und das Bond-Girl ist schon tot. „Aber ich bin doch nackt unter der Dusche. Was wollen Sie denn noch?“ Bérénice Marlohe hat allerdings verraten, dass er bei der entsprechenden Szene darauf bestanden hat, die Unterhose anzulassen. Irgendwie hat wohl die Chemie nicht ganz gestimmt. Nein, die erotischste Szene - Bond-Fans, haltet den Atem an! - gibt es diesmal mit Javier Bardem, dem Schurken. Der tippt dem angeschossenen Bond schmerzhaft auf die Wunde, der streicht ihm auch über die Brust und fummelt gar an den Schenkeln rum. Eine schwule Szene mit Bond? Beim letzten Film, „Ein Quantum Trost“, hat Craig in einem ähnlichen Interviewmarathon gefrotzelt, das wär’s doch mal. Jetzt sind erste Anzeichen zu sehen. Kommt da noch mehr? Nein, grinst er, und wiederholt das Wort „fast“. Eine fast schwule Szene. Den Rest signalisiert er wortlos: Schreiben Sie bloß nicht mehr. Beim letzten Mal ist er auch ständig darauf angesprochen worden.

Apropos nächstes Mal. Zwischen „Quantum Trost“ und „Skyfall“ lagen vier lange Jahre: wegen des Studios MGM, das beinahe pleite ging. Die lange Warterei hat an Craigs Nerven gezehrt. Er werde zu alt, hat er gesagt. Irgendwann hieß es gar, er habe keinen Bock mehr. „Skyfall“ werde sein Abschied. Alles Schnee von gestern. Er hat für zwei weitere Filme unterzeichnet. Wobei, wiegelt er ab: „Einen drehe ich noch. Aber wenn der abschmiert, bin ich ganz schnell draußen und es kommt ein Jüngerer und Hübscherer.“ Das ist nicht zu befürchten.

Die Produzentin schwärmt von „ihrem“ Craig. Der ist jetzt 44. Timothy Dalton war 45, als er aufhörte, Pierce Brosnan 49, Sean Connery 53 und Roger Moore gar 58! Da geht also noch was. Und die Zeit… Das möchte Craig noch weiter ausführen. Aber nichts da, sorry, die Publicity-Dame unterbricht eisern. Die 17 Minuten sind um. Immerhin: Das war mehr Zeit, als das Bond-Girl in „Skyfall“ mit Daniel Craig hatte. Und wir wissen jetzt: Es steckt nicht viel Bond in Craig. Es steckt viel von Craig in seinem Bond.