Ausstellung

Witzige Miniaturen, bunte Ideen

Das Bauhaus-Archiv entdeckt die ungewöhnliche Künstlerin Lou Scheper-Berkenkamp mit Einzelschau neu

Zunächst soll es darum gehen, Lyonel Feininger zu erkennen. Die mosaikhafte Geometrie der stürzenden Linien also. Und das geht ganz prima in diesen Bildern der Bauhäuslerin Hermine Luise Scheper-Berkenkamp, genannt Lou, vor denen wir hier stehen, auf den ersten Metern der Ausstellung „Phantastiken“ im Bauhaus-Archiv am Lützowufer. Feininger. „Und etwas weiter dann sieht es ein bisschen wie Klee aus“, sagt Renate Scheper, Lous Schwiegertochter, die als Gastkuratorin durch die erste große Einzelschau führt.

Hinter den frühen Werken von Lou Scheper-Berkenkamp, in denen die Einflüsse der Lehrer (darunter neben Klee und Feininger auch Johannes Itten) noch deutlich durchklingen, wird hier ein facettenreiches Lebenswerk aufgezeigt, das neben Malereien und Zeichnungen auch Kindertagebücher, literarische Texte, Entwürfe für Oskar Schlemmers Bauhaus-Bühne und die Farbgestaltung von Innenräumen, wie die Berliner Philharmonie von Hans Scharoun, umfasst.

Lou Scheper-Berkenkamp – eine überaus talentierte Künstlerin, über deren Würdigung man sich ebenso freuen darf, wie an dem intelligenten Wortwitz ihrer bunten Bilderbriefe, die als Arbeitsskizzen, als vor Ideen sprühende Miniaturen aus Text und Bild an ihre Freunde gingen damals. Die nun in der Schau einen tieferen Eindruck von der Persönlichkeit der Scheper-Berkenkamp geben können. Die Anrisse, die Ideen sind ein unheimlich schönes Material der Denkweise ihrer Arbeit: Sie setzt auf Eigenständigkeit. Nämlich auch jenseits des Markenzeichens „Bauhaus“ nach innen zu hören. „Ich bin und werde sein: Luftlinientreu. An keinem Ort und überall zu Hause. Die luftigsten Erfindungen sind doch immer die besten gewesen“, schreibt die Künstlerin an einer Stelle. Sie ist am Werk orientiert, ordnet sich ein, aber nicht unter. Der Ehrgeiz ist groß.

Studium in der Bauhaus-Werkstatt

Mit zwölf verlässt die kleine Lou ihr Elternhaus um in Essen auf das Gymnasium gehen zu können. Nach ihrem Abitur geht sie ans Bauhaus in Weimar. Ihr künstlerischer Werdegang gleicht zunächst dem vieler anderer Bauhaus-Künstler. Sie durchläuft einen Vorkurs. Sie nimmt am Farb- und Formunterricht teil. Tritt in eine Werkstatt ein. Nutzt die Möglichkeit des Interdisziplinären, für das das Bauhaus steht. Gleichberechtigung war zwar de facto gefordert am Bauhaus, doch in Wirklichkeit fürchteten die Meister ihren Einfluss.

In Weimar lernt sie dann ihren Mann Hinnerk kennen, der ebenfalls am Bauhaus studiert. Sie bringt die Lehre nicht zu Ende, geht mit ihm fort. 1925 ziehen beide nach Dessau. Hinnerk Scheper bekommt von Walter Gropius den Auftrag, die Werkstatt für Wandmalerei zu leiten. „Bei Lou ist auffällig, dass sie eine besondere Einstellung gegenüber ihrem Mann hat. Sie wollte sich selbst zurückstellen, um seine Anerkennung zu fördern. Ich habe sie einmal sehr aufgelöst erlebt, als er bei einer Ausstellungseröffnung kaum erwähnt wurde“, sagt Renate Scheper. „Nebenher aber verfolgte sie ihre eigene Arbeit weiter, mit der Heiterkeit des Niederrheinischen und dem kühlen Geist des Nordens.“

Anfang der 1930er gehen Hinnerk und Lou nach Moskau. Scheper-Berkenkamp schreibt: „Ich liebe das Moskauer Leben, auch, wenn man nicht fett davon wird. Die Stadt ist schön und schwer und weich durchmischt.“ Eben so, wie die Beschaffenheit ihrer Bilder aus dieser Zeit. Mal sind es dunklere Szenen in ihren Studien des Lebens auf der Straße, Bettler, Kranke, Obdachlose, dann wieder das hellere Farbspiel ihrer Bilderbriefe.

„Ich finde, dass ihre Arbeiten am interessantesten sind im Übergang von der zeichnerischen in die literarische Phase“, sagt Renate Scheper. Lou Scheper-Berkenkamp veröffentlicht Anfang der 30er Jahre Moskauer Reportagen und Zeichnungen. Mit ihrem Mann arbeitet sie an Reportagereisen für Illustrierte. Dies allerdings nur bis 1934, als Hinnerk, wegen seiner Bauhaus-Zugehörigkeit, nicht in den Reichverband für Deutsche Presse aufgenommen wurde. Lou schreibt von einem „Druck auf die Seele, die es ihr nicht ermöglicht, zu malen.“ Es ging trotzdem nach Berlin. „Berlin erobern, war ihr Gedanke“, sagt Renate Scheper. 1943 wurde der älteste Sohn eingezogen. Lou wollte in Berlin bei ihrem Mann bleiben. Die Kinder wurden auf einen Bauernhof zu einem Bruder des Mannes geschickt. Scheper-Berkenkamp konzentrierte sich ums Kriegsende auf das Entwerfen von Kinderbüchern. 1948 erschien ihr erstes Buch bei Wunderlich in Leipzig. In der Nachkriegszeit entstehen auch großformatige Bilder, was zuvor, wegen der Papierknappheit, nicht möglich war. Ihre späteren Städte- und Landschaftsbetrachtungen haben etwas Ausgebreiteteres, auch hintergründig Irreales oder auch Surrealistisches. Ein großes Aquarell von 1961 – „Küstenlandschaft mit Architektur- und Schiffsteilen“ – hat endzeithafte Züge von Salvadore Dalí.

Nach dem Krieg zahlt sich Scheper-Bredenkamps Vielseitigkeit aus. Im West-Berlin wirkte sie nicht nur an Rekonstruktionen, sondern auch bei Neubauten mit. Die Künstlerin war zuständig für die Räume bestimmende Farbgebungen prominenter Gebäude wie die Philharmonie und die Staatsbibliothek. Sie wählte für größere Bauvorhaben einen Generalton, wie sie es nannte. Der war meistens ein Weiß, das nach gelb oder grau abgetönt war. So entstand ein lebendiges Spiel zwischen Licht und Schatten. Sie setzte dann den hellen Tönen kräftige Farben als Akzente entgegen und benutze Farben, ganz modern, auch als Orientierungsmittel.

Familienleben in Zehlendorf

Ihre Auftragslage war gut. Neben den eigenen künstlerischen und beruflichen Aktivitäten führten die Schepers ein, wie sie meinten, oft zu sehr das Privatleben beeinträchtigendes, gesellschaftliches Leben. Es blieb mitunter wenig Zeit für die persönlichere Arbeit an der Leinwand. Nach dem Krieg wohnte die Familie in Zehlendorf. Sie waren gute Ratgeber und bekamen viel Besuch von anderen Künstlern und Freunden. Sonntags wurde dann die Klingel abgestellt, damit sie auch mal malen konnten.