Konzert

Melody Gardot: Eine Frau singt sich durch die Welt

Die Globetrotterin macht im Tempodrom Halt

Nachdem die Musiker im Dunkel der Bühne ihre Plätze gefunden haben, eröffnen sie den Abend mit einer sambarasselnden Ouvertüre. Gleich zwei Schlagwerker, eine Gitarre, ein Kontrabass und der vielseitige Saxofonist Irvin Hall zelebrieren ein Klang-Tohuwabohu, bevor die Hohepriesterin des Rhythmus ans Mikrofon schreitet. Die amerikanische Sängerin Melody Gardot hat sich einmal mehr gehäutet. Hat sie auf ihren ersten beiden Alben die Popwelt noch mit jazzverliebten Balladen für sich eingenommen, gibt sie sich auf ihrer neuen Platte „The Absence“ als musikalische Globetrotterin. Bei ihrem Konzert im Tempodrom wechselt sie vom amerikanischen Jazz zum portugiesischen Fado und vom argentinischen Tango zum brasilianischen Samba.

Es ist Pärchenabend. Ehepärchenabend. Frauen sind heute Abend eindeutig in der Mehrzahl im Saal. Sie haben ihre Männer, Freunde, Freundinnen mitgeschleppt zum Konzert. Um Lieder zu hören wie „Baby I’m A Fool“, mit denen Melody Gardot ihnen aus dem Herzen gesungen hat. Sie bekommen es auch im Laufe des Abends, allerdings in eine gänzlich neuen, spartanisch-gefühligen Version in Trio-Besetzung. Denn Melody Gardot ist keine, die lange stehen bleibt.

Das dämmerige Bühnenbild gleicht einer unaufgeräumten Lagerhalle. Die Musiker stehen zwischen prallvollen Kaffeesäcken aus Jute, Obstkisten, ledernem Schrankkoffer und hölzerner Kabelrolle. Und Melody Gardot, ein Glas Rotwein in der Hand, ist unsere geheimnisvolle Reisebegleiterin. Die 27-Jährige hat ihr blonde Haar unter einen Turban gezwängt, die Sonnenbrille vor den lichtempfindlichen Augen, den schwarzen Gehstock in greifbarer Nähe. Der Grund ist hinlänglich bekannt. Gerade einmal 19 Jahre alt, wurde die als Barpianistin jobbende Modestudentin von einem fahrerflüchtigen SUV umgefahren. Sie lag ein Jahr lang im Krankenhaus. Musiktherapie brachte sie zurück ins Leben. Noch im Krankenhaus entstand ihre erste EP „Some Lessons: The Bedroom Sessions“.

Viele neue Songs bestimmen das Repertoire, wie das brasilianisch treibende „Mira“ oder die schmerzerfüllt emotionale Ballade „Lisboa“, eine Ode an Lissabon. Es ist der Jazz, der diesen weltmusikalischen Überbau grundiert. Die Musiker changieren zwischen Bebop und Bossa-Nova, zitieren Charlie Parker und Caetano Veloso, erschaffen die Lieder von Melody Gardot im Konzert immer wieder neu, veredeln sie mit imposanten Soloeinlagen. Vor allem der Berliner Cellist und Kontrabassist Stephan Braun provoziert immer wieder Zwischenapplaus.

Gardot singt mit bewegend emotionaler Stimme, die Höhen und Tiefen des Daseins mit Leidenschaft auslotet. Sie nutzt ihre Stimme gleich einem Instrument, zischelt und tuschelt perkussiv, lässt Worte zu Melodien werden, singt mit vibrierender Sinnlichkeit, wechselt vom Mikrofon zum Piano zur E-Gitarre. Und beweist bei ihren Zwischenansagen geradezu komödiantisches Talent. Gegen Ende sucht die so unnahbar scheinende Frau die Nähe zu ihren Fans. Mit lasziven Bewegungen steigt sie beim lebensfrohen, treibenden Samba „Yemanjà“ von der Bühne ins Publikum. Ein großes Konzert. Der Schlussapplaus klingt dennoch etwas unentschieden.