Jazzfest Berlin

Avantgarde als Ventil

Der Leipziger Bert Noglik ist neuer Leiter des Berliner Jazzfests. In seinem Programm bringt er zusammen, was lange getrennt war

Es war 1965, da hörte der damals 16-jährige Bert Noglik Louis Armstrong in der Leipziger Messehalle. Der Besuch eines derart bedeutenden afroamerikanischen Musikers galt damals in der DDR als Sensation. Noglik war der einzige aus seiner Klasse, der zu dem Konzert ging. Den anderen war der Eintrittpreis von 12 bis 18 Ostmark einfach zu hoch. „Meine Eltern fanden aber: Der Junge muss da hin. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar“, sagt der Journalist und Kulturwissenschaftler. Beim traditionellen Jazz blieb Noglik nicht lange. Er freundete sich mit dem vier Jahre älteren Pianisten Joachim Kühn an, der ihn wegen seiner kompromisslosen Art beeindruckte, und erlebte das Quintett von Albert Mangelsdorff, das „den Vorhang aufriss und den Blick freigab auf etwas ganz Neues, Freies, Ungewöhnliches“.

Begründet wurde Nogliks Liebe zum Jazz aber – wie bei so vielen dies- und jenseits der Mauer – durch das Jazzbuch von Joachim-Ernst Berendt. Ein Vetter aus dem Westen hatte das Buch doppelt und überließ es dem 12-jährigen Verwandten aus Leipzig. Ein Geschenk mit Symbolcharakter. Denn 50 Jahre später schickt sich Bert Noglik jetzt an, das Erbe von Berendt als Leiter des Berliner Jazzfests anzutreten.

Auftritt auf Sägespänen

Das wichtigste Improvisationsfestival Deutschlands, 1964 von Berendt gegründet, konnte der Leipziger lange nur aus der Ferne verfolgen. „Als es in den 80er Jahren endlich Fernsehübertragungen von den Berliner Jazztagen gab, saß man wie gebannt vor dem Bildschirm und schaute sich eine Welt an, die man nicht besuchen konnte, mit der man aber geistig verbunden war“, erinnert sich der 64-Jährige. Vor diesem Hintergrund empfindet es Noglik als Erfüllung eines Traums, diesem Festival nun selbst als künstlerischer Leiter vorstehen zu dürfen.

In gewisser Weise ist Noglik die Synthese aus seinen beiden Vorgängern. Der zurückhaltende und freundliche Mann ist so umgänglich wie der schwedische Posaunist Nils Landgren, gleichzeitig legt er – ähnlich wie der Journalist Peter Schulze – Wert auf Konzerte, die das Publikum durchaus fordern und bilden sollen. Was bei Noglik hinzukommt: Er ist ein ausgewiesener Festivalmacher.

Seit 1992 betreut der Leipziger das bundesweite Jazznachwuchs-Festival in seiner Heimatstadt. Mit den Bands LebiDerya und Masaa werden zwei der dort in diesem Jahr vertretenen Gruppen auch auf dem Berliner Jazzfest zu hören sein. Noglik leitete zudem 16 Jahre lang die Leipziger Jazztage, eine prägende Zeit mit denkwürdigen Erlebnissen: „Kurz vor dem Zusammenbruch der DDR mussten wir das Festival in einem Zirkuszelt machen, weil wir nicht mehr in die Kongresshalle durften. Die Musiker mussten auf Sägespänen auftreten.“ Da lernt man als Programmgestalter das Improvisieren.

Was Berlin auch schon vor Nogliks Einstieg als Kurator des Jazzfests zugute kam. Nach seinem Abschied von den Leipziger Jazztagen hatte er an der Spree ein vielbeachtetes Musikertreffen installiert, das zwischen 2009 und 2011 Schlaglichter auf den Jazz in Polen, Südafrika und innerhalb der jüdischen Kultur warf. Den Namen des Festivals darf man als sinnbildlich für Nogliks Philosophie sehen: „Sounds No Walls“. Klänge, keine Schutzwälle. Jemand, der 1989 zu den Demonstranten an der Leipziger Nikolaikirche gehörte und den Fall der Mauer als beglückendstes Ereignis seines Lebens bezeichnet, hat genug von rigiden Grenzziehungen.

Man sieht es auch an Nogliks erstem Programm als Leiter des Berliner Jazzfests, das am 1. November im Haus der Berliner Festspiele eröffnet wird und bis zum 4. November geht: Die Spannbreite reicht von Auftritten der US-Legenden Wayne Shorter und Archie Shepp über ein Stepptanz-Experiment der Pianistin Geri Allen bis hin zu Spoken-Word-Brückenschlägen mit der De-Niro-Synchronstimme Christian Brückner.

Eigene Projekte

Beim Jazzfest 2012 gibt es jetzt auch wieder etwas, das Nogliks Vorgänger Landgren eher kritisch sah: Eigens für das Festival entwickelte Projekte. Am Eröffnungsabend erinnern die Berliner Pianistin Julia Hülsmann und der Klarinettist Rolf Kühn gemeinsam mit dem US-Saxofonstar Joe Lovano an die 2003 verstorbene Klavierspielerin Jutta Hipp, die sich als erste deutsche Jazzmusikerin nach dem Krieg einen Namen in den Vereinigten Staaten machen konnte. Am Abschlussabend verbeugen sich die Band „Das Kapital“ und das Filmmacher-Duo „Manic Cinema“ vor Hanns Eisler. Jazz in Korrespondenz mit anderen Künsten – das ist Noglik vor dem Hintergrund der Disziplinen-Vielfalt der Berliner Festspiele, unter deren Dach sich auch das Jazzfest befindet, ein besonderes Anliegen.

Wechselbäder für das Publikum sind programmiert. Beispielsweise dann, wenn sich auf der Bühne des Festspielhauses an einem Abend Günter Baby Sommers Erinnerung an das Wehrmacht-Massaker 1943 im griechischen Dorf Kommeno mit dem melodieintensiven Pop-Kammerjazz des beliebten französischen Schlagzeugers Manu Katché abwechselt. „Man sollte denjenigen, die unbedingt und ausschließlich einen großen Star sehen wollen, zeigen, dass es noch weitere Facetten gibt, die auf andere Weise aufregend sein können“, sagt der neue künstlerische Leiter, der die nächsten drei Jahre die Geschicke des Berliner Jazzfests bestimmt.

Auch wenn er das nicht gerne hört, weil er darin den Vorwurf wittert, allzu kompromissbereit zu sein: Der promovierte Kulturwissenschaftler ist einer, der vermittelt und versöhnt. Vor diesem Hintergrund geschieht auf seiner Festival-Premiere historisch Bedeutsames: Das Total Music Meeting, das 1968 als Freejazz-Gegen-Festival zum als saturiert empfundenen Jazzfest gegründet wurde und 2009 mangels Fördergelder unsanft entschlief, wird jetzt in das Programm des ehemals ungeliebten großen Bruders integriert. In der Akademie der Künste am Hanseatenweg, wo die Konzerte von Freifrauen wie Irène Schweizer, Aki Takase oder Marilyn Crispell stattfinden, wächst zusammen, was eigentlich schon lange zusammen gehörte.

Es ist keine allzu große Überraschung: Nogliks Herz gehört der Avantgarde. Er selbst spielte mal Flügelhorn in einer Band, die sich der improvisierten Musik verschrieben hatte; öffentlich aufgetreten sei die Gruppe jedoch nie. Free Jazz war ein Ventil. Damals hätte er sich wahrscheinlich vehement gegen die Vermutung gewehrt, dass der relativ große Zulauf, den der Free Jazz in der DDR genoss, eine Antwort auf das Leben in einem hermetisch geschlossenen System war, erklärt Noglik. „Es ging um musikalische Entwicklungen, wir wollten uns nicht in eine politische Ecke drängen lassen. Im Nachhinein muss man aber sagen: Es war zweifellos eine Musik, die viele junge Menschen anzog, die mit der staatlich verordneten Lebensweise nicht viel anfangen konnten.“

Einen ersten Erfolg hat der neue Jazzfest-Leiter übrigens schon zu vermelden: „Wir sind jetzt schon fast ausverkauft. Und das mit einem Programm, das zwar nicht des Sinnlichen und des Lustvollen entbehrt, aber dennoch anspruchsvoll ist.“ In Berlin hat man eben ein Herz für Wiedervereinigungen.

Berliner Jazzfest Vom 1. bis 4. November im Haus der Berliner Festspiele, der Akademie der Künste, im A Trane und Quasimodo. Tickets: 254 89 100