Bühne

US-Dramatiker wirft dem Deutschen Theater Rassismus vor

Autor erbost über schwarz geschminkte Schauspieler

Der amerikanische Dramatiker Bruce Norris hat erstmals öffentlich begründet, warum er dem Deutschen Theater Berlin die Rechte an seinem Stück „Clybourne Park“ entzogen hat. In einem offenen Brief berichtet Norris, er habe voriges Jahr eine „grandiose“ Aufführung seines Werk am Staatstheater Mainz gesehen. Darauf habe er von seinem Agenten erfahren, dass nun auch das Deutsche Theater „Clybourne Park“ spielen wolle. Versuche, mit der Berliner Bühne Kontakt aufzunehmen, seien zunächst gescheitert. Schließlich erreichte ihn eine Mail der Schauspielerin Lara-Sophie Milagro, die ihn darauf aufmerksam machte, dass die schwarzen Frauen in Berlin von einer Weißen gespielt werden sollten. Milagro hatte diese Rollen in Mainz gespielt.

„Keinen zwingenden Grund“

„Fassungslos“ habe Norris daraufhin seinen Agenten gebeten, einen Kontakt mit der Intendanz des Deutschen Theaters herzustellen. Dessen Dramaturgie habe ihm bestätigt: „Ja, es ist wahr, wir haben die Rollen tatsächlich mit einem weißen Ensemblemitglied besetzt, und wir sehen keinen zwingenden Grund, warum die Darstellerin eine Afrodeutsche sein sollte.“ Hier merkt Norris in seinem offenen Brief an, es sei ja wohl für jeden, der „Clybourne Park“ kenne, offensichtlich, warum einige Rollen von Schwarzen gespielt werden müssten. In dem Zweiakter wird in den Fünfzigerjahren ein Haus an eine schwarze Familie verkauft, was zu heftigen Reaktionen in der weißen Nachbarschaft führt. 2009 ist das Viertel fast ausschließlich von Schwarzen bewohnt und soll nun wieder gentrifiziert werden. Ein junges weißes Paar will das Haus kaufen und abreißen und stürzt sich darüber in eine Debatte mit seinen schwarzen Nachbarn. „Clybourne Park“ wurde 2011 sowohl mit Pulitzer-Preis als auch mit dem britischen Laurence-Olivier-Preis für das beste neue Stück ausgezeichnet.

Norris schreibt nun in seinem Brief über seine Auseinandersetzung mit dem Deutschen Theater: „Nach vielen ausweichenden Antworten, Rechtfertigungen und Erklärungen ihrer Gründe, informierten sie mich endlich, dass die Hautfarbe der Schauspielerin absolut irrelevant wäre, denn sie beabsichtigten, „mit Make-up zu experimentieren“. Daraufhin habe er dem Deutschen Theater die Rechte an dem Stück entzogen. Die für den 22. Januar 2012 geplante Premiere wurde kurz vor dem geplanten Probenbeginn abgesagt.

Norris berichtet, er habe erst durch diese Auseinandersetzung erfahren, dass es in Deutschland immer noch gängig sei, Schwarze von geschminkten Weißen spielen zu lassen – eine Theaterpraxis, die in den USA unter dem Namen „Blackface“ eine unselige Tradition hatte und dort längst als rassistisch verpönt ist. Offenbar ist Norris gut über die deutschen Verhältnisse informiert, denn er erwähnt den Streit um die Aufführung „Ich bin nicht Rappaport“ am Schlosspark-Theater, das dem Humoristen Dieter Hallervorden gehört. Weil dort die Rolle des schwarzen Hausmeisters von einem weißen Schauspieler gespielt wurde, war im Januar die Empörung groß: Hallervorden und Regisseur Thomas Schendel wurden im Internet als Rassisten beschimpft.

Seitdem gab es in Deutschland mehrfach Proteste gegen die bis dahin gedankenlos hingenommene Praxis, Schwarze von angemalten Weißen spielen zu lassen. Die Internetseite „Bühnenwatch“ dokumentiert solche Aktionen. Im Februar hatten Aktivisten etwa dagegen demonstriert, dass – wiederum im Deutschen Theater – in einer Inszenierung von Dea Lohers „Unschuld“ zwei afrikanische Flüchtlinge von weißen Schauspielern mit schwarzen Gesichtern dargestellt wurden.

Norris fordert nun einen Boykott deutscher Bühnen durch amerikanische Dramatiker: „Ich würde Ihnen raten, Aufführungen Ihrer Arbeiten in Deutschland zu boykottieren, wenn die Theater diese eselhafte Tradition fortsetzen. Eine Null-Toleranz-Position ist die einzige Haltung, die man dagegen einnehmen kann. Wenn wir uns einig sind, werden vielleicht einige deutsche Theater das zur Kenntnis nehmen und sich nach einiger Zeit eines Besseren besinnen.“