Bühne

Alfred Bioleks Rezept gegen das Alleinsein

Zwei Jahre nach seinem Wegzug kommt der Entertainer mal wieder nach Berlin. Und tut, was er am besten kann: Er kocht

Er hat für Millionen gekocht. Die ganze Nation guckte ihm Jahre lang in den Topf. Und amüsierte sich an seiner Kunst, seine Aaahs und Mmmmhs in beredt unterschiedliche Längen zu ziehen. Jetzt schwingt Alfred Biolek wieder den Kochlöffel. Allerdings in etwas kleinerem Rahmen. Und leider nur für einen Abend. Am Freitag stellt er sich an ungewohnter Stelle, im Tipi-Zelt am Kanzleramt, an den Herd. Und empfängt, als hätte er mit seiner Erfolgssendung nie aufgehört, wieder zwei illustre Gäste, mit denen er kochen und anstoßen wird.

Es ist für den 78-Jährigen auch eine Rückkehr nach Berlin. Zehn Jahre lang hat er hier im Prenzlauer Berg gelebt. Und Feste gegeben. Eine Art Salon in der Hauptstadt. Bis er vor zwei Jahren auf der Treppe gestürzt ist und sich einen Bruch an der Schulter zuzog. Zweieinhalb Monate lag er in der Reha. Und hat lange nachgedacht. Er zitiert Hesse, das „Stufen“-Gedicht, das ja immer wieder für alles Mögliche herhalten muss. Aber Generationen sind mit diesem Poem aufgewachsen. Biolek, von seinen Fans liebevoll Bio genannt, hat es auch verinnerlicht. „Das Leben besteht aus lauter Stufen. Und als ich in der Klinik lag, hatte ich das Gefühl, jetzt muss eine neue Stufe bei mir kommen.“ Eine Stufen-Metapher, ausgerechnet nach einem Treppensturz!

„Es war richtig, wegzuziehen“

Er hat seine Wohnung verkauft, ist nach Köln zurückgezogen. Und bereut diesen Schritt nicht. „Berlin war eine wunderbare Stufe“, sagt er, ganz ohne Wehmut. „Ich finde die Stadt immer noch sehr sympathisch. Und freue mich immer, wenn ich wieder hier bin. Aber die Zeit ist vorbei. Es war richtig, wegzugehen.“ Auch in Köln koche er nach wie vor für seine Freunde. Nur sind es jetzt halt nicht mehr 30, 40, die er zu sich lädt, eher drei, vier.

Wir sitzen in der Lounge des Tipi-Zelts, mit Blick aufs Kanzleramt gegenüber. Alfred Biolek ist älter geworden. Er sitzt ein wenig steif da, seine Bewegungen sind deutlich langsamer. Der zappelt immer so, hat meine Mutter früher vor dem Fernseher gesagt. Jetzt würde sie das nicht mehr sagen. Der Sturz ist offensichtlich nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, auch wenn er beteuert, dass alles überstanden sei. Und es ihn dränge, etwas zu unternehmen. Wie zum Beweis klappt er seinen Kalender auf. Lauter Termine. So wie diese Woche im Tipi. „Bei mir muss immer was passieren“, betont er. „Wenn ich nur noch allein auf dem Sofa säße, das wär‘s auch nicht.“ Das ginge höchstens ein, zwei Mal. Dann würde er unruhig werden.

Muss er nicht. Er hat ja seine Lesungen, in denen er aus seinem Buch „Bio: Mein Leben“ liest. Und er kocht, immer wieder. Nicht mehr vor den Kameras. Aber dafür erstmals vor Publikum. Es ist halt das, was er am besten kann. Bioleks Rezept gegen das Alleinsein. Er hat das schon wiederholt auf Kreuzfahrtschiffen gemacht. Auch eine Möglichkeit, herumzukommen. Abends hat er dann mit dem Chefkoch ein Menü gezaubert, das in der Küche nachgekocht wurde. Und die Reisenden bekamen das dann auch zu essen. Im Tipi wird das etwas anders sein. Die Zuschauer dürfen nur zugucken. Und riechen. Zu essen gibt es nur, was auf der Karte steht. Maximal ein paar Besucher aus den vorderen Reihen werden mal naschen dürfen. Man sollte also besser nicht mit ganz leerem Magen kommen. Dafür wird man anderweitig entschädigt: Wie einst in seiner Erfolgsserie „Alfredissimo“ hat Biolek wieder Gäste eingeladen: den Schauspieler Gerd Wameling und die TV-Kollegin Ulla Kock am Brink. Das bewährte Rezept: Schmecken und Schnacken.

Biolek, das muss man an dieser Stelle noch mal klar unterstreichen, hat 1994 mit dem Tele-Kochen begonnen, als das noch ein Unikum und auch ein Risiko war. Das Publikum liebte ihn damals für seine Talkshow „Boulevard Bio“; könnte die Küchenshow da nicht wie Dampffett an seiner Talk-Seriosität kleben bleiben? Von wegen. Heute wird auf allen Kanälen zu jeder Tageszeit gekocht. Und ein Kochbuch nach dem anderen auf den Markt geworfen. Biolek darf sich da durchaus als Pionier fühlen. Wobei, an dieser Stelle wird er dann doch kämpferisch: „Ich habe ja nie eine Kochshow gemacht. Sondern eine Genussshow. Wir haben geredet, wir haben Wein getrunken. In den heutigen Sendungen wird doch nur sachlich gekocht. Das ist etwas ganz Anderes.“

Vor sechs Jahren hat der Entertainer Schluss gemacht mit dem Fernsehen. Und das auch konsequent durchgehalten. Vermisst er es noch, das Aufnahmestudio, den Adrenalinsprung kurz vor Sendebeginn, das Fernsehen überhaupt? Nein, sein Mund verzieht sich säuerlich, wie wenn’s beim Kochen noch nicht ganz so schmeckt wie es sollte, gar nicht. Das sei wieder wie bei Hesse: eine andere Stufe. Er guckt auch nur selten fern. Vielleicht auch, damit er die vielen Fragen, wie er seine Nachfolger findet, gar nicht erst beantworten kann. Aber dann entschlüpfen ihm doch ein paar Kommentare. Anfangs ganz vorsichtig. „Das Fernsehen ist anders geworden. Nicht schlechter. Aber anders. Und jeder muss für sich entscheiden, ob es besser ist, wenn er täglich in einer Talkshow läuft oder nur einmal in der Woche.“ Mehr möchte er dazu eigentlich nicht sagen.

So viel vielleicht doch: Er sei ganz froh, zu seiner Zeit Fernsehen gemacht zu haben. Wobei – kleine Einschränkung: „Als ich anfing, waren die Honorare beim Fernsehen ein Witz. Nichts im Vergleich zu heute.“ Das meiste Geld hat er denn auch mit dem Kochen verdient. Und den vielen Kochbüchern, die zu seiner Serie erschienen. Trotzdem würde er um nichts in der Welt tauschen wollen mit den heutigen Moderatoren. Und jetzt lässt er sich doch zu einigen Seitenhieben hinreißen: „Mit Gottschalk sowieso nicht.“ Der habe einen so guten Ruf, der habe so viel Geld verdient. „Dass der jetzt noch weitermacht, verstehe ich nicht. Und dann noch mit diesem furchtbaren Bohlen!“ Es sei halt eine Kunst, Schluss machen zu können. Eine Kunst, die nicht jeder beherrscht.

„Das gab es auch schon zu meiner Zeit“, gibt er zu. Leute wie Kulenkampff, die auch nach ihren Erfolgsshows noch alles Mögliche gemacht hätten. Und alles Misserfolge. „Schon damals habe ich mir geschworen: Wenn du merkst, dass du nicht mehr kannst, dann hörst du auf. Das ist doch peinlich, wenn alle dich nur an deinen alten Erfolgen messen. Du musst wissen, wo deine Grenzen sind.“

Biolek ist also konsequent. Und doch wieder nicht. Er war schon viel älter als Gottschalk oder Kulenkampff, als er dem Fernsehen Lebewohl sagte. („Dass das so spät kam“, räumt er ein, „war natürlich toll.“) Und auch er kann nicht ganz ohne Publikum. Aber immerhin: Die Stufe Fernsehen hat er wie die Stufe Berlin abgeschlossen. Und auch mit seinen gelegentlichen öffentlichen Koch-Events hat er eine Stufe heruntergeschaltet.

Bios Küche Tipi am Kanzleramt, Große Querallee, Tiergarten. Tel: 39 06 65 50. Freitag, 20 Uhr.