Geschichte

Zu viel Unterröcke unterm Kleid

Zum 100. Geburtstag schenkt der RBB der Deutschen Oper einen Film: „Ouvertüre 1912“

Christa Ludwig ist Gold wert. Das ist ja nichts Neues. Aber hier geht es einmal nicht um ihre Stimme, sondern um ihre Plauderlust. Als sie am 24. September 1961 zur feierlichen Wiedereröffnung der Deutschen Oper erschien, trug die Sängerin, ganz im Stil der Zeit, Petticoat. Als sie sich jedoch setzte, musste sie feststellen, dass sich bei so viel Tüll das Kleid über die Plätze links und rechts ergoss. Flugs eilte sie zur Toilette, lieh sich von einer Garderobenfrau eine Schere und schnitt sich beherzt die Unterkleider heraus. Daran erinnert sich die heute 84-Jährige noch lebhaft. Übrigens auch an ihre Reaktion auf den Kunst am Bau, direkt vor dem Eingang der Oper: „Hat man inzwischen herausgefunden, was das eigentlich sein soll?“

Dieser Tage wird die Deutsche Oper doppelt so alt wie damals. Und wieder wird das Jubiläum feierlich zelebriert. Zum 100-Jährigen gibt es am Samstag einen großen Festakt, am Sonntag dann den neuen „Parsifal“. Schon morgen aber wird gefeiert: mit einem Film, den der RBB dem Opernhaus zum Runden schenkt. Ausgestrahlt wird er erst am 23. Oktober, auch nicht unbedingt zur besten Sendezeit, um 22.45 Uhr. Heute aber kann man ihn vor Ort, im Foyer der Oper erleben.

Inszeniert hat ihn Enrique Sánchez Lansch, bekannt für die Philharmonie-Doku „Rhythm Is It!“. Ihm erging es bei seinem neuen Film ein wenig wie Christa Ludwig bei der Wiedereröffnung: Er hatte viel zu viel Stoff und musste beherzt mit der Schere ran. In Anspielung an Tschaikowskys „Ouverture 1812“ nennt er seine Doku „Ouvertüre 1912“. Und arbeitet sich dann mit einer Doppelstrategie durch die 100 Jahre Geschichte. Er beginnt mit jener feierlichen Wiedereröffnung kurz nach dem Mauerbau, als viele Gäste durchaus mit Unbehagen anreisten, weil alle Angst vor den Russen hatten. Und dann zappt er sich abwechselnd durch die ersten und die zweiten 50 Jahre des Hauses.

Die zweite Hälfte, wen wundert‘s, ist ungleich besser dokumentiert. Da werden Aufzeichnungen legendärer Inszenierungen vorgestellt, auch Probenarbeiten, die festgehalten wurden. Und viele Zeitzeugen kommen zu Wort, die diese Ära miterlebt und geprägt haben. Neben Frau Ludwig etwa René Kollo, Götz Friedrichs Witwe Karan Armstrong oder Regisseur Hans Neuenfels. Bei der ersten Hälfte über den Heinrich-Seeling-Bau, der am 7. November 1912 eingeweiht und 1944 ausgebombt wurde, müssen historische Fotografien ausreichen sowie Curt A. Roesler, der Dramaturg des Hauses, und Klaus Geitel, Opernkritiker der Berliner Morgenpost, die über die frühen Jahre referieren. Es ist die wechselvolle Geschichte eines Hauses, das in Abgrenzung des Königlichen Opernhauses Unter den Linden eine „Oper für Bürger“ sein sollte und seit der Wiedervereinigung wieder in Konkurrenz zu jenem Haus steht.

Viele Aspekte kommen zu kurz, müssen zu kurz kommen: die Übernahme durch die Nazis, der unsäglichste aller Besuche, der des Schahs an dem Abend, als Benno Ohnesorg erschossen wurde. Und sträflicherweise kommt Kirsten Harms, die immerhin sieben Jahre das Haus leitete, nicht einmal zu Wort. Dafür lebt der 90-Minüter von wunderbaren Anekdoten der Zeugen. Und von dem letzten Interview, das Friedrich Fischer-Dieskau zwei Monate vor seinem Tod gab und das hier wie ein Vermächtnis wirkt.

Eine Doku zum 100. sollte eigentlich mit einem Ausblick der neuen Crew enden. Es ist verzeihlich, dass Sánchez-Lansch stattdessen mit Fischer-Dieskaus letzten Erinnerungen schließt. Bei einer internen Vorführung vor einer Woche, zu der viele der Zeitzeugen (auch Kirsten Harms!) ins Foyer kamen, wurden im Saal Ballettproben abgehalten. Und immer mal wieder waberten Musikschwaden herüber. Da immerhin überlagerten sich Vergangenheit und Gegenwart.