Literatur

Wie die Schweiz ohne Berge

Kreuzberg war sein Fluchtpunkt. Nun ist der Autor aus Basel seit elf Jahren in der Stadt. Eine Bilanz

Auf der Tafel vor einer Kreuzberger Kneipe las ich, dass dort gerade „Schweizer Woche“ sei. Es gab Fondue für fünf Euro. Hocherfreut bestellte ich das Gericht. Doch die Kellnerin verzog ihr Gesicht, als müsse sie sich gleich übergeben. „Is aber nich jut!“, sagte sie. Ich blieb dennoch bei meiner Wahl. Die honiggelbe Flüssigkeit, die sie servierte, sah dann eher nach Karamellsauce aus und schmeckte nach verschwitzten Wandersocken. Immerhin: So ehrlich war ich noch in keinem Restaurant in der Schweiz beraten worden. Ich lernte: Die Kreuzberger sind reizende Zeitgenossen, die das Herz auf der Zunge tragen. Was für eine Wohltat nach Jahrzehnten der gespielten Freundlichkeit in meiner alten Heimat!

Kreuzberg ist eine Hochburg der Künstler und Lebenskünstler, wusste ich von meinen Onkel, der in den 80er Jahre hier lebte. Nun wollte ich hier mein Glück versuchen. Denn meine Schweizer Heimat war zwar wunderschön - aber leider auch etwas eng, geldfixiert und steril. „In Berlin werden Dir riesige, spottbillige Wohnungen nachgeschmissen“, sagte mein Onkel immer. „Ganz besonders in Kreuzberg, der Hochburg der Hausbesetzer!“ Doch als ich 2001 eintraf, sah ich weit und breit kein besetztes Haus. Nach gefühlten tausend Besichtigungen schöpfte ich in einer Jugendstilvilla beim Südstern Hoffnung. „Du bist mir eigentlich ganz sympathisch”, sagte Lotte, eine Berlinerin mit Zöpfen. Und zack, hatte ich ein Dach über dem Kopf und eine reizende Wohngenossin, mitten in Kreuzberg! Ich war wie berauscht.

Von Schüssen geweckt

Blöd nur, dass Lotte so selten da war. Sie kümmerte sich um die Telefonrechnung. Für alles Weitere war ich zuständig. Und nach drei Monaten wurde unser Telefon abgestellt. Eines Morgens dann kam mir aus dem Bad ein junger Mann entgegen. „Hi“, sagte er. Er heiße Ramin und wohne jetzt hier. Zu Hause sei er raus geflogen, und Lotte habe angeboten, ihn aufzunehmen. Ob Brötchen fürs Frühstück im Haus seien? Ein wunderbarer Mensch. Wenn Ramin hungrig war, aß er alles auf, was ich eingekauft hatte. Sonst kiffte er. Oder er kiffte und sah dazu fern. Um vier Uhr früh wurde ich regelmäßig von Schüssen geweckt. Western oder Brutalo-Filme. Ramin schlief dann schon lange. Denn tagsüber wollte er ja Arbeit suchen. Wobei er sich erst einmal Geld bei mir schnorrte. Und wenn ich es zurück verlangte, sagte er: „Sorry.“ Sein Kumpel, von dem er sonst jederzeit was leihen könne, sei „heute gerade in Westdeutschland“.

In Kreuzberg lebten schon immer Menschen ohne Kohle, lernte ich: Um 1700 siedelten sich politisch verfolgte Hugenotten aus Frankreich an. 200 Jahre darauf kamen arme Schlucker aus Schlesien und Ostpreußen, die in den Fabriken nach Arbeit suchten. 1961 wurde Kreuzberg durch den Bau der Mauer von wichtigen Verkehrsachsen abgeschnitten und geriet endgültig ins ökonomische Abseits. Betriebe schlossen, Facharbeiter wanderte ab. In die billigen Butzen mit Außenklo und Ofenheizung zogen Türken, Studenten, Arbeitslose und Künstler.

Die Mauer hatte auch Vorteile. Künstler aus Kreuzberg waren bereits Kult, weil sie auf einer Insel im Osten lebte. Ein Bonus, der mit der Wende verloren ging. Doch die Kreuzberger wussten sich zu helfen. In der Nähe meiner WG gab es einen Frisör, der sich auch auf Medizin, Physiotherapie und Seelenklempnerei verstand. Das Motto auf seinem Werbeschild: „Frisör: Damen, Herren, Kids & Massage“. Weitere Attraktionen waren: „Homöopathie“, „Teenies: waschen, schneiden, stylen“ sowie „systemische Aufstellung“. In der Schweiz herrschte Arbeitsteilung: Coiffeure beschränkten sich bei uns aufs Haareschneiden, das Verschreiben dubioser Globuli hingegen war die Domäne von Spezialärzten. Und für System und Aufstellung war Paul Wolfisberg zuständig, der Trainer unserer Fußball-Nationalmannschaft

Der Frisör lachte. In Kreuzberg seien gar nicht Fußballer die Zielgruppe für die „systemische Aufstellung“, erklärte er mir, sondern Leute, die ihren familiären Hintergrund aufarbeiten wollten. Warum eigentlich nicht?, dachte ich. Und warum nicht beim Coiffeur? Von den Kreuzbergern konnte man so viel lernen. Kreativität, Selbstbewusstsein, Mut. Und Lebenskunst. Wer gerade keine Kohle hatte, schaute einfach beim sympathischen „Umsonstladen“ an der Ecke vorbei. Nur eine Nachteil hatte dieses Geschäft. Man durfte sich pro Tag höchstens drei Waren aussuchen. „Sonst wären die Regale bald leer“, erklärte mir der Schluffi an der Kasse ohne Kasse. Und wie sollte es dann mit der Revolution weitergehen?

Das ist alles lange her. Seit ich hier lebe, wandelte sich Kreuzberg täglich. Und oft nicht zum Guten. Manche Ecken im Bergmannkiez sehen inzwischen wie Zürich aus. Wo früher etwa die urige Kneipe „Dietrich Herz“ mit ihren riesigen Grilltellern war, hat unlängst ein Schnösel-Laden für Kaffee eröffnet. „Dieses Aroma“, säuseln dort die Geldsäcke, „weich wie Seide.“ Ich belauschte das Gespräch zweier junger Frauen. „Worüber wir noch ein paar Takte reden sollten“, sagte die eine: „Die Gründung der GmbH. Wir brauchen 300000 Euro. Hab alles durch gerechnet. Und die kriegen wir!“ – „Supi! Alles klärchen“, sagte ihre Bekannte. – „Und was die Struktur angeht“, sagte die erste Frau und strich sich das goldblonde Haar aus der Stirn: „Hannes und Mechthild werden als mobiler Doppelkopf durch alle Projekte schwirren. Und Du übernimmst bald die Karl-Marx-Straße. Wir müssen dich da natürlich noch ein bisschen hincoachen. Aber ich bin mir sicher, Uschi: Gut gebrieft wirst du in der Karl-Marx so richtig durchstarten!“

Tja, dachte ich und kaute an meiner Schrippe: Der neue Bergmannkiez ist wie die Schweiz ohne Berge.

Von Till Hein ist gerade das Buch „Der Kreuzberg ruft! - Gratwanderungen durch Berlin“ erschienen. Bebra Verlag, 256 Seiten, 14,95 Euro