Konzert

Sex-Appeal, Popkultur und Witz

Wenn schon Schlagermusik, dann so: Helene Fischer schwebt durch die 02-World

Wann ist Volksmusik eigentlich so brutal cool geworden? Dieter Thomas Heck hat jedenfalls nichts damit zu tun. Auch wenn er immerhin bis zum Umfallen auf der Bühne stand. War's der Flori? Der Tausendsassa Silbereisen, der mit Motorrädern über Rampen springt, mit seiner Faust brennende Steinplatten zerhaut, zwischendurch gibt’s natürlich noch Musik bei seinen Frühlingsfesten der Volksmusik. Mindestens genauso interessant ist die Frau, dessen Antlitz Silbereisens Oberarm ziert: Helene Fischer. Die 28-Jährige gibt dem Schlager ein modernes Gesicht.

Helene Fischer scheint in ihrem gelben Kleid über dem Boden der Bühne in der O2-World zu schweben – auf ihren High-Heels. Natürlich Walzer, natürlich schmierige Trompeten. „Mein Herz ist ein Fotoarchiv“, eine wirklich gute Zeile. Klar brennt in ihrem Text auch Feuer und der Refrain passt für jeden, weil Fischer einfach singt „Ich lebe jetzt und hier.“ Andererseits hat das auch was von Punk. „Ich lebe jetzt und hier“ ist ja eigentlich nichts anderes als die niedliche Spießer-Genuss-Übersetzung von „No Future“. Wird umgedeutet und heißt nun: „Jetzt und hier gönn ich mir mal eine Flasche Wein oder einen schönen Wellness-Urlaub.“ So verwundert es kaum, dass alle Bausparer zwischen 30 und 60 Riesen-Fischer-Fans sind.

Diese Stimme ist schon mehr als das Durschnitts-Demenz-Getröte, an das wir denken, wenn wir von Volksmusik sprechen. Helene Fischer kann wirklich singen. Und anders als Stefan Mross kann ihr Trompeter auch wirklich spielen. Die ganze Band ist richtig gut. Gut im Sinne von auf den Punkt, präzise, gefühlvoll, genau richtig, um der Fischerin Platz zu geben. Das, was der Volksmusik gefehlt hat, um wirklich cool zu sein, gibt Helene Fischer in wohldosierten Mengen ab. Sex-Appeal, Popkultur und Witz. Andrea Berg hatte zu viel Sex und wirkte als Domina einfach peinlich. Der Wendler behauptet zwar, den Pop-Schlager erfunden zu haben, aber letztendlich ist das genau das gleiche alte Disco-Gestampfe.

Fischer macht es richtig. Sie hat erkannt, dass die heutigen 60-jährigen meist nur noch den Körper von 60-jährigen haben. Die Alterszielgruppe der heutigen Volksmusik kennt eben Punk, Disco, Hip-Hop, Lady Gaga und weiß sich halbwegs auf der Karte des Pop zu orientieren. Deswegen reicht es nicht mehr nur, von Heimat zu singen. Die Älter-Gewordenen sind massenmediale Weltenbummler geworden. Die Jüngeren sind es sowieso schon. Also erarbeitet sich Fischer konsequent eine Bühnenshow, die Optik, Gefühl und Klang dieser neuen Generation von aufgeklärten Volksmusikfans wiedergibt. Sie singt „Die Schöne und das Biest“ oder den Soundtrack von „Pocahontas“, grüßt „die Zaubermäuse“, sie meint Kinder damit. Nach der Pause leitet sie ironisch keck „den hocherotischen zweiten Teil“ ein. Später nimmt sie sogar einen Präsentkorb mit Wurst von einem Fan an. Helene Fischer gelingt es, alle glücklich zu machen. Oma, Opa, Vater, Mutter, Kind – jeder kriegt einen kleinen Teil von Helene, den man besonders mag. Das ist der einzige Vorwurf, den man ihr machen kann. Ihr fehlt eine klare Positionierung. Fischer ist weder Fisch noch Fleisch, sie ist Paella.

Es schießen die Laserstrahlen in die Gesichter des Publikums. Eine Elektro-Melodie, wie von Lady Gaga saust herunter. Großer Massentechno beim Schlagerevent. Es ist aber Laureens „Euphoria“, der Siegertitel des diesjährigen Grand Prix Eurovision de la Chanson, der mittlerweile leider Eurovision Songcontest heißt. Helene liebt es, sich zu verkleiden. Und den Fans gefällt es so gut, dass sie die O2-World gleich an zwei Abenden hintereinander füllt. Jennifer Lopez ist schon mit einem Konzert gescheitert. Zum Schluss, Fischer hat Leonard Cohens „Hallelujah“ und Whitney Houstons „I will always love you“ gesungen, fährt sie mit einem riesigen Kran über den Köpfen der Zuschauer umher. Eine Berlin-Fahne weht unter ihrem Podest. Volksmusik und Schlager gibt es nicht mehr. Helene Fischer ist ein Rockstar.