Ehrung

„Das Imperium muss auseinanderbrechen“

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu erhielt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Kahlköpfig steht er da vor der stehend applaudierenden Festgemeinde, nur ein Hauch von Lächeln huscht ab und zu über sein Gesicht. Es hält sich nicht. Er ist ein Fremder, hier und anderswo, und er wird es bleiben, will es vielleicht bleiben. Artig und in schönen Worten hat Liao Yiwu, dem in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, der „ehrwürdigen Paulskirche, vor der versammelten Eilte Deutschlands“ seinen Tribut gezollt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat ihn für seinen Mut, seine Unerschrockenheit, seine Sprachmacht als einen „Volksschriftsteller im umfassenden Sinn“ geehrt, der mit seinen Werken, insbesondere mit „Für ein Lied und hundert Lieder“, den Entrechteten, den Verstoßenen des modernen Chinas eine Stimme verliehen, der sie sichtbar und hörbar gemacht und ihnen ein Profil verliehen hat. Er stehe, heißt es in der abendländisch-universalistischen Begründung der Preisverleihung, „für Menschenwürde, Freiheit und Demokratie“.

Wie in Trance

Wer kann schon darüber entscheiden? Liao ist wohl kein Dissident im Sinne von Sacharow oder Havel oder Herta Müller. Denn er kommt aus einer anderen Welt. Mit den Dissidenten teilt er die Unbedingtheit, den absoluten und so mächtigen Willen zum „Nein“. In die politische Schriftstellerei hat es ihn nicht getrieben, bis zum Tag des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 war Liao ein expressiver, leidenschaftlicher Dichter gewesen, Teil des chinesischen Underground. 1958 geboren, erlebte das Kind früh jene fürchterliche Hungersnot, die Mao sehenden Auges in Kauf genommen hat. Sie kostete 40 Millionen Menschen das Leben. Als die studentische Revolte in China 1989 auf ihre Klimax zulief, schrieb er in der Nacht zuvor wie in Trance das später berühmt gewordene Großgedicht „Massaker“. Es nahm das staatliche Töten auf dem Tian’anmen-Platz vorweg. Das Gedicht brachte Liao für vier Jahre in Haft, Erniedrigung und Folter wurden sein Leben. Diese Urerfahrung hat ihn erschüttert, aber nicht gebrochen. Er hat sich, im Gegenteil, geschworen, zu reden, zu dokumentieren, zu sammeln, das Unrecht zu bezeugen. Und er ging und geht von der unerschütterlichen Überzeugung aus, damit stärker zu sein als der Staat der Unterdrückung. Er verkörpert den Sieg eines geradezu archaischen Gegenwillens.

Liao ist in dem Sinne kein politischer Autor, als die Idee der Evolution, der allmählichen Veränderung bei ihm nicht vorkommt. China ist ein Moloch und es muss aufhören ein Moloch zu sein, punktum. So wundert es nicht, dass Liao in seiner auf Chinesisch vorgetragenen Dankesrede an keiner Stelle die Hoffnung aufblitzen lässt, im gegenwärtigen Zustand Chinas könnte das Zeug für Verbesserung stecken. Das China der Partei ist in seiner Wahrnehmung das monolithische Reich des Bösen.

Kritik am Allerheiligsten

Erstaunlich, mit welcher Klarheit Liao Yiwu im ersten Teil seiner Rede wunderbar klar politisch wurde. Auch um dem deutschen Publikum beim Mitlesen der Übersetzung seiner Rede eine kleine Hilfestellung zu geben, unterbrach er seine Rede sechsmal mit der auf Deutsch gesprochenen Parole: „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“. In seiner Rede entwickelte er einen in China vollkommen tabuisierten politischen Vorschlag, der bestechend ist und die Kraft großer politischer Philosophie atmet. China, sagte er, müsse aufhören, Reich, müsse aufhören, Imperium zu sein. Der Gedanke des, so die alte staatsoffizielle Formulierung, „einen Reichs unter dem Himmel“, das keine Provinz abzugeben hat und keine Autonomie gewährt: Das gehört, wenn man so will, zum Allerheiligsten des offiziellen chinesischen Selbstverständnisses. Der Zweifel daran ist strikt verboten.

Das hat Liao in seiner Rede souverän missachtet und wie Montesquieu das hohe Lied des kleinen Staates gesungen. Des Staates, der überschaubar ist, der „kleine Staat mit wenigen Einwohnern“, wie vor 2500 Jahren der Philosoph Laozi sagte. Das Großreich aber, dass Kaiser Qin geschaffen hat, sei von Anfang an ein Gewaltgebilde gewesen, mit Blut getränkt und von einer Mauer umgeben. Besser sei es, in die glorreiche chinesische Blütezeit vor der Reichseinigung zurück zu kehren, in der China aus vielen kleinen Splitterstaaten bestand, die sich im „Wettstreit der hundert Schulen“ übten. Eine Utopie, gar eine rückwärts gewandte? Mag sein, wo er doch sogar die Ahnen erwähnt. Die Vision hat aber den Charme einer bezaubernden Idee, die die Machthaber zu entlarven vermag und die zeigt, dass die neuen Kaiser Chinas nackt sind.