Bühne

Saisonauftakt in Berlin

Die Analyse: Stefan Kirschner zieht eine Zwischenbilanz der neuen Spielzeit an den Bühnen

Komische Oper

Worum es geht: In der Monteverdi-Trilogie geht es um Liebe: In „Orpheus“ um Liebe im Ur- und Naturzustand, in „Odysseus“ um Liebe als komplexe Sehnsuchtsform, in „Poppea“ um Liebe als Waffe im brutalen Mächtepoker.

Die originellste Idee: Im ersten Teil von Barrie Koskys Inszenierung an der Komischen Oper glaubt man für einen Moment, dass echte Vögel durch den Zuschauerraum fliegen.

Was dem Publikum bevorsteht: Ein Tag in der Oper. Von 11 bis 23 Uhr dauert die Monteverdi-Trilogie, das ist auch eine Herausforderung fürs Publikum. Aber in Berlin kommt so etwas immer gut an – wie kürzlich der 24-Stunden- Theater-Marathon des HAU.

Was bleibt: Ein faszinierendes Experiment und ein vielversprechender Auftakt. Der neue Intendant Barrie Kosky hat gezeigt, wie viel Kraft und Energie in dem Haus steckt.

Schaubühne

Worum es geht: In „Ein Volksfeind“ entdeckt Badearzt Dr. Stockmann die Ursache für die Verschmutzungen des Wassers und die Erkrankungen der Kurgäste. Aber die Gemeinde hat kein Geld und will die Sache unter den Tisch kehren.

Die originellste Idee: Regisseur Thomas Ostermeier lässt die Bürgerversammlung im Zuschauerraum der Schaubühne stattfinden. Auf der Bühne steht der Badearzt und schildert seine Sicht der Dinge. Er wird beschimpft und mit Farbbeuteln beworfen.

Was dem Publikum bevorsteht: Mitarbeit. An der Bürgerversammlung können sich die Zuschauer beteiligen. Mit intelligenten Kommentaren oder Beleidigungen. Jeder darf sagen, was er will, muss aber damit rechnen, dass die Schauspieler auf die Zurufe reagieren.

Was bleibt: Ibsens „Volksfeind“ ist das Stück dieser Saison. Thomas Ostermeier hat eine packende, sehr gegenwärtige Inszenierung vorgelegt. An dieser Arbeit müssen sich andere Aufführungen messen lassen.

Maxim Gorki Theater

Worum es geht: In Schillers „Die Räuber“ geht es um den Konflikt zweier Brüder. Karl Moor, der Erstgeborene und Lieblingssohn des Vaters, wird Opfer einer Intrige seines Bruders Franz und flieht als Krimineller in die Wälder.

Die originellste Idee: Die konsequente Dekonstruktion des Stücks. Regisseur Antú Romero Nunes braucht nur drei Darsteller für seine „Räuber“- Version. Und die treten nacheinander auf, schließlich reden auch bei Schiller die Personen selten wirklich miteinander

Was dem Publikum bevorsteht: Ein lauter Knall zur Pause, der selbige eliminiert. Empfindsame Zuschauer sollten auf die vom Maxim Gorki Theater angebotenen Ohrstöpsel zurückgreifen.

Was bleibt: Der radikale und gelungene Regiezugriff. So wie in dieser Inszenierung hat man die „Räuber“ noch nie gesehen. Wer das Stück nicht kennt, sollte vorher zumindest mal durchblättern. Das erhöht den Genuss.

Schiller Theater

Worum es geht: In Wagners Zyklus rund um den Ring des Nibelungen nimmt „Siegfried“ nicht gerade den beliebtesten Platz ein. Er schmiedet das Schwert Wotans zusammen, tötet damit den Drachen, zerbricht Wotans Macht und heiratet Brünnhilde.

Die originellste Idee: Regisseur Guy Cassiers lässt Tänzer unter einem Betttuch den Drachen spielen. Der Rest ist Video.

Was dem Publikum bevorsteht: Ein langer Abend, an dem wenig passiert. Das Publikum kann sich völlig auf Daniel Barenboims großartiges Dirigat konzentrieren.

Was bleibt: „Siegfried“ als Kammerspiel für Orchester mit teilweise guten Sängern. Zum Glück gibt es an der Deutschen Oper noch den klassischen Götz-Friedrich-„ Ring“, den demnächst Simon Rattle dirigiert.

Volksbühne

Worum es geht: Das fragt man sich bei Pollesch ja immer. Selbstverständlich gibt es auch bei „Don Juan“ (von Pollesch nach Molière) keine stringente Handlung, aber viel Bewegung auf der Bühne – also ein typischer Pollesch.

Die originellste Idee: Die furchtbar hässliche Jogi-Löw-Perücke, die Martin Wuttke trägt – und die natürlich immer wieder mal verrutscht.

Was dem Publikum bevorsteht: Ein witziger, kurzweiliger Abend, der zwischen Nonsense und großer Todesmelancholie pendelt.

Was bleibt: Dieser dritte Teil der Molière-Trilogie an der Volksbühne ist der beste. Es ist viel Molière drin, obwohl René Pollesch keine Zeile des Franzosen verwendet.

Deutsches Theater

Worum es geht: Eine Schriftstellerin kommt in die Provinz, um aus ihrem neuen Buch zu lesen. Eigentlich hasst sie solche Auftritte. Und dann trifft sie auch noch auf eine Journalistin, die sie mit ihren Fragen eigentlich nur provozieren will. Und das gelingt ihr.

Die originellste Idee: In „Ihre Version des Spiels“ integriert Regisseur Stephan Kimmig die Zuschauer in seine Inszenierung, sie stellen das Publikum bei der Lesung in der Mehrzweckhalle einer französischen Kleinstadt dar.

Was dem Publikum bevorsteht: Zwei pausenlose Stunden auf Bänken ohne Rückenlehne in den Kammerspielen des Deutschen Theaters – das ist schon eine kleine Herausforderung.

Was bleibt: Eine verschachtelte Konstruktion, eine präzise Inszenierung. Yasmina Reza wirft in ihren Stück einen bitterbösen Blick auf die Abgründe des Literaturbetriebs.

Deutsche Oper

Worum es geht: „Eine Musik mit Bildern“ hat Komponist Helmut Lachenmann seinem „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ als Gattungsbezeichnung verpasst. Es geht um das gleichnamige Andersen-Märchen, aber auch um Gudrun Ensslin.

Die originellste Idee: Das Regieteam um David Hermann hat an der Deutschen Oper vor dem geschlossenen eisernen Vorhang ein dreigeschossiges Haus mit offenen Räumen errichtet. Oben werden Bomben gebastelt, unten üben junge japanische Opernsängerinnen.

Was dem Publikum bevorsteht: Eine Diskursoper, die sich einer Melodie verweigert.

Was bleibt: Ein toller Klangeindruck, die Musiker sitzen teilweise auf den Rängen. Und das befriedigende Gefühl, eine radikalzeitgenössische Oper überstanden zu haben.