Kunstsache

Immer der Nase nach zu den Kunst-Häppchen

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Nur Touristen glauben noch, dass die Auguststraße in Mitte der Hot Spot der Kunst ist. Das war sie, als in den Neunzigern Harry Lybke als Platzhirsch mit Eigen + Art dort hinzog. Geblieben ist er bis heute, allerdings ist seine Galerie zwecks Sanierung derzeit geschlossen. Auch die Galerie Deschler residiert hier seit 1995. Kunstfans und Sammler kommen, wenn dort oder in Institutionen wie den Kunstwerken (KW) und gleich nebenan in der Privatsammlung „me collectors room“ Vernissage gefeiert wird. Neuen Auftrieb gab’s freilich durch die Eröffnung der Jüdischen Mädchenschule als Galerien- und Restauranthaus. Mittlerweile steht die Adresse in jedem trendigen Reiseführer. Der leckere Duft der Küche des Promirestaurants „Pauly Saal“ wabert verlockend durch die Stockwerke, zugegeben, an Kunst ist da nur schwer zu denken. Meine Freundin Emma, aus München zu Besuch, ist kaum bei Konzentration zu halten. Mit diesem Problem haben wahrscheinlich alle zu kämpfen, die das Haus betreten. An diesem Nachmittag hören wir einzig Spanisch und Englisch, die Leute kommen in Gruppen, Touristen halt. Bei CWC, einem Ableger der Charlottenburger Fotogalerie Camera Work, landen sie trotzdem. Emma findet, dass das Programm auf Laufkunstschaft eingestellt ist: Häppchengenuss für alle. „Color“ zeigt 100 Positionen der künstlerischen Farbfotografie. Klar, immer wieder schön sind die Porträts von Charlotte Rampling oder Claudia Schiffer, in Badelatschen, fotografiert von Bettina Rheims. Alles gut gehängt, ja. Allerdings mehr buntes Gemischtwarenlager als „eigenkuratierte Ausstellung“, wie uns die Dame an der Rezeption erklären möchte. (Augusstr. 11-19 . Uhr. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 1.12.)

Emma eilt einen Stock höher in die ehemalige Aula der Mädchenschule. Galerist Michael Fuchs hat sich damit eindeutig den beeindruckendsten Ausstellungsraum des Hauses geangelt. Nun ist er Darkroom, sozusagen die fotografische französische Version von „Shades of Grey“. Brigitte Bardot, das blonde Gift, gekreuzigt und gefesselt - von Ghislain Dussart, in den Neunzigern verstorbener Set-Fotograf des ehemaligen Sex-Symbols. Offenbar liebte der Mann heilige nackte Kreuzigungsszenen, so viele gibt es zu sehen, dass es uns langweilig wird. Fuchs erwarb die Fotocollagen aus dem Nachlass des Franzosen. Ob die arme Bardot das alles weiß? Jedenfalls wurden die Fotos zu Dussarts Lebzeiten nicht gezeigt, der Mann wusste, warum. Seinen Ruhm jedenfalls haben sie nicht gesteigert. (Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 10.11.)

Emma ist schon die Treppe hinab, auf die Straße, runter zur DNA Galerie. Dort hat sie eine Künstlerin wieder entdeckt, die sie in den Neunzigern kennenlernte: Laura Kikauka, damals die Pippi Langstrumpf des Kunstszene. Kikauka betrieb ihre „Funny Farm“ in einem maroden Hinterhof an den Hackeschen Höfen. Decken, Boden, Wände, alles war überzogen von irrem Nippes, Plüsch und surrendem Blinkkram. Barbiepuppen, Plastikhunde, Schwarzwalduhren, alles dabei. Das war Flohmarkt, Schrottplatz und Spielzeugland in einem. Ein Paralleluniversum im Wende-Berlin. Laura Kikauka war jung, alles war möglich. Jetzt hat die kanadische Kitschsammlerin ihre „Bilder“ in Petersburger Hängung bei DNA angebracht. Stickbilder mit Hirsch, Kissen mit Alpenpanorama oder irgendwelche superoxidierten Blondinen im Glasrahmen, mit populären oder weniger bekannten Liedtexten und Zitaten versehen. Alles secondhand erworben - und gerahmt. Kikauka nennt das „urbane Archäologie“. Funktioniert nur bedingt, der Charme des Übergangs, der Improvisation hat sich auch hier abgenutzt. Irgendwie ist Emma frustriert. „Alles anders.“ Das ist Berlin. (Auguststr. 20, Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 21. 10.)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Waldes, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien